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Wasserfälle, alte Mauern und wilde Alpenveilchen

23 Oktober 2013 2 Kommentare

IMG_5506Der zweite Wandertag im Casentino beginnt mit einem Lapsus: Schon zu Hause habe ich mir die 6 Wandervorschläge von Scipio ausdrucken lassen, die dadurch etwas verkleinert sind. Und als ich dann einen etwas zu flüchtigen Blick auf das Blatt mit der heutigen Tour werfe entgeht mir, dass Scipios Route (vom Haus weg) über die Zufahrt von La Chiusa und dann entlang der Straße verläuft, und nicht über den Weg Nr. 80, durch das Bachtal..!

Kartenausschnitt-II-BKartenausschnitt-I-3Kleine Ursache große Wirkung: Natürlich würde wohl auch jeder andere Wanderer (nach einem Blick in die 1:25.00er Karte) die Route über die Wanderwege 78 und 80, dem Weg entlang der Straße vorziehen, aber leider existiert dieses Stück Wanderweg Nr. 80 nach Norden (im Bachgrund zwischen den Serpentinen) nicht mehr! Es ist (wie man so schön sagt) „re-natouriert“ worden, sprich: Es besteht nur noch in der Karte! In der Realität ist es bereits wieder völlig mit Brennesseln und Brombeeren zugewachsen und daher auch völlig unpassierbar. (Im Gelände ist dieses Wegstück inzwischen auch nicht mehr markiert!)

IMG_5434Aber langsam und von Vorne: Auch in dieser Nacht haben wir wieder hervorragend geschlafen und selbst den kräftige Regen, der ab drei Uhr nachts monoton auf unser Dachfenster trommelt, empfinden wir dabei als angenehm. Morgens beim Frühstück ist dann auch schon wieder alles vorbei.
Zum Frühstück hat uns Biggi erneut einen reichhaltigen Tisch gedeckt, mit neuer Wurst und anderem Käse – natürlich wieder beides direkt aus dem Casentino.

Heute haben wir uns (wegen des nassen Wetters) ebenfalls für eine kürzere Tour entschieden, nämlich für Scipio’s Antike toskanische Bergarchitektur 1 – 10,8 Kilometer mit 654 Höhenmeter im Anstieg (Geglättete Garmin-Werte).
Kurz nach dem Frühstück stehen wir dann auch schon wieder fertig gerichtet vor dem Haus und Claudia macht noch ein schnelles Foto, während ich den Garmin stelle.
IMG_0211Durch das nasse Gras von gestern gewarnt, haben wir heute auch gleich unsere neuen Gamaschen angezogen. Bei Jack Wolfskin haben wir inzwischen nämlich das gefunden, was wir uns in Lappland so sehr gewünscht hätten: Gamaschen die so weit herunter geschnitten sind, dass sie die Schnürung der Schuhe völlig überdecken. Zudem sind die aus TEXAPORE, also wasserdicht, atmungsaktiv und federleicht!

Dann starten wir und nehmen – wie bereits erwähnt – leider erst mal den falschen Weg. (Achtung: Der GPS-Track im Download ist bereits korrigiert, beinhaltet also die richtige Wegführung. Siehe dazu auch die Googlemap am Ende des Berichtes!)
Aber dieses Verlaufen hat dieses Mal auch eine gute Seite: Schon den ganzen Morgen hören wir nämlich wieder den Platzhirsch aus diesem Tal röhren. Und da wir inzwischen auch schon etwas gelernt haben, bewegen wir uns heute gleich von Beginn an sehr leise und umsichtig auf seinen Standort zu!

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Als Erstes sehen wir so auf etwa 25 Meter Distanz eine große Hirschkuh, die unmittelbar neben dem Weg äst. Scheu verlässt sie ihren Platz und läuft langsam den Hang abwärts, in Richtung Fluß. Und als ich ihr mit den Augen folge, sehe ich dort dann auch das restliche Rudel stehen. Nur den Hirsch kann ich nicht gleich ausmachen.
Er röhrt jedoch noch immer markerschütternd, und auf diese kurze Distanz läuft mir jedesmal ein kräftiger Schauer den Rücken hinunter!

IMG_5441Dann sehe ich ihn plötzlich ebenfalls. Noch näher als das Rudel und etwas oberhalb, höchsten mal 15 Meter von uns entfernt steht er, mit dem Kopf hinter einem Busch.
Dort drüben steht der Hirschbock..!“ raune ich daher Claudia ganz, ganz leise zu, die inzwischen ebenfalls, unmittelbar hinter mir stehen geblieben ist. IMG_5445-2Sie sieht ihn aber nicht gleich. Erst als er sich umdreht und mit seinem mächtigen Geweih hinter dem Busch hervor tritt.
Nun hat er uns natürlich ebenfalls gesehen und schaut uns – bestimmt 15 bis 20 Sekunden lang – bewegungslos an. Dann wirft er plötzlich den Kopf mit dem mächtigen Geweih weit zurück und lässt noch einmal sein unglaublich lautes Röhren höhren. Dieses Mal aber genau in unsere Richtung und es ist so laut, dass mir für einen Augenblick wirklich die Trommelfelle klingeln. Ich komme mir zudem vor, als ob er mich gerade persönlich angebrüllt hätte!

Noch ein letzter Blick von ihm zu uns herüber, dann dreht er sich um und schreitet(!) langsam und majestätisch hinunter, zwischen die Büsche am Fluß. Und seine Damen folgen ihm.
Ok.., wir haben verstanden, wer hier der Chef ist..!“ sage ich etwas abwesend und wohl mehr zu mir selbst.
Kneif‘ mich mal..!“ flüstert Claudia dann aber, immer noch ganz leise, und den Blick unverändert auf die Stelle gerichtet, wo er gerade im Gebüsch verschwunden ist..!

IMG_5450-2Wir können kaum glauben, was da gerade passiert ist und vermögen uns daher auch längere Zeit nicht loszureißen. Und heute habe ich auch gar nicht erst versucht, die Kamera heraus zu holen. Durch das bewölkte Wetter ist es unter den Bäumen nämlich viel zu duster, um an Hirsch-Fotos überhaupt nur zu denken. Selbst bei 200 ISO komme ich lediglich auf eine Belichtungszeit von ca. 1/30 Sekunde, und das auch nur an den etwas helleren Wegpassagen. Und die Bildqualität noch höherer ISO-Werte schenke ich mir.

Dann kommt unser Lapsus mit dem nicht existierenden Weg. Nur zwei Sätze dazu: Versucht bitte gar nicht erst, ihm zu folgen – es geht nämlich wirklich nicht! Wir schlagen uns dann auch irgendwann querbeet zur Straße durch, die wir links über uns sehen können.
Wenige Meter weiter erreichen wir schon den Ponte alla Fabbrica, im nördlichen Knick der Straße. Ab hier ist der Weg Nr. 80 nun wieder vorhanden und auch hervorragend ausgeschildert.

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Entlang vieler, künstlicher Staustufen mit Wasserfällen führt er uns nun immer weiter aufwärts, in Richtung Passo della Calla, auf 1.295 Metern nN. Aber so weit hinauf wollen wir heute noch nicht. Nach etwa 3/5 des Weges werden wir den Gargone, so heißt der kleine Fluß, dem wir hier im Talgrund aufwärts folgen, überqueren und dann links herum zurückwandern.
IMG_5462Durch meinen Fehler vom Morgen gewarnt, sehe ich mir dieses Mal die Karte auch etwas genauer an. Und da ich weiß, dass dieser Weg in der Karte des Garmin nicht verzeichnet ist, bin ich auch doppelt wachsam! Wir können nun nämlich notfalls mit der Standort-Bestimmung des GPS-Gerätes nicht viel anfangen, da im Display wichtige Bezugspunkte fehlen.
Aber zu jedem GPS-Gerät gehört eben auch noch eine (zusätzliche) gute Wander-Karte; sagt man..!“ erkläre ich Claudia und die lacht nur. Schließlich dient uns der Garmin ja in erster Linie dazu, die Weg-Strecken aufzuzeichnen, um sie in unseren Berichten den Lesern als Downloads zur Verfügung zu stellen.
Nach dem Passieren eines Gebäudes legen wir dann präventiv auch unsere Regenhosen und Jacken an. Immer wieder beginnt es inzwischen nämlich mal wieder stärker zu tröpfeln und wir vermuten, dass es irgendwann vielleicht doch noch „dicker“ kommen könnte. Dann möchten wir aber darauf vorbereitet sein und es ist sehr angenehm, nur noch die Beinreißverschlüsse der Regenhosen schließen zu müssen!.

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Nach der zweiten Brücke wird das Tal dann zunehmend schmaler und die Wände steiler. Hier ist es nun auch fühlbar feuchter, als noch etwas weiter unten, was sich auch im Bewuchs niederschlägt. Die Bäume sind deutlich jünger und schlanker und alle Steine sind mit dicken Moospolstern überzogen. So erhält das Tal hier ein schon fast unwirklich-schönes, romantisch-wildes Flair! Trotz des schlechten Lichtes gelingen mir ein paar wunderschöne Aufnahmen.

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Irgendwann sind die Talwände links und rechts dann aber so steil, dass ich mich wirklich frage, wie wir da eigentlich über das kleine Gewässer im Talgrund kommen sollen, und wo da drüben im Steilhang denn überhaupt ein Weg verlaufen kann. Das gibt sich aber ziemlich bald und zudem so überraschend, dass ich wirklich gleich dreimal in die Karte schaue, weil ich es nicht glauben mag: Am linken Wegrand befindet sich nämlich plötzlich ein Holzschild, auf dem Attenzione – TrattIMG_0226o pericoloso steht: Achtung – gefährlicher Weg!
Gleichzeitig scheint das Tal hier plötzlich richtiggehend „aufgeklappt“ zu sein, so flach ist es auf der Linken Seite. Und hier führt nun auch ein deutlich sichtbarer Weg hinunter zum Wasser.
Unten angekommen, lacht Claudia nur, als sie die Steine in der Furt sieht:
Das kennen wir inzwischen ja zur Genüge..!“ und meint damit natürlich unseren Kungsleden-Tripp vom Sommer. Dort mussten wir auf diese Weise unzählige Gewässer überqueren.
Aber sie gibt mir trotzdem Gelegenheit, das Unterfangen zu fotografieren, indem sie auf den Steinen einen Augenblick lang absolut ruhig hält, weil das Licht hier unten miserabel ist: Ich schieße das Bild unten mit nur 1/6 sec., die Kamera lediglich auf den Wanderstöcken aufgelegt.

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Hinter dem Wasser führt dann ein Holzabfuhr-Weg links aufwärts, und verliert sich kurz darauf völlig in einem großen, von Wildschweinen total umgegrabenen Areal.
Und jetzt..?“ will Claudia schmunzelnd wissen. Wir sehen hier nämlich absolut keinen Weg mehr aus diesem großen, völlig umgegrabenen Wald-Acker herausführen.
IMG_5501Ich zucke nur die Schultern und blicke kurz in die Karte, dann besinne ich aber mich wieder auf das Wesentliche beim Wandern: Ankommen! Also eben einfach auch mal nur in der richtigen Richtung weiter – notfalls sogar ohne Weg! Und so staksen wir kurz darauf durch tiefe, weiche Erde, bis wir irgendwann wieder „festen Boden“ unter die Füße bekommen! Und dann ist auch gleich der richtige Weg wieder ausgemacht.

Der führt nun auf dieser Talseite kontinuierlich aufwärts und entfernt sich so immer weiter vom Talgrund. Außerdem wechselt nun auch der Wald als solcher: Waren wir bisher überwiegend in reinem Buchenwald unterwegs gewesen, herrschen hier oben nun überwiegend Kiefern vor. Die wurzeln sehr tief und kommen hier oben wohl leichter an Wasser, als andere Baumarten.

IMG_5509Kurz darauf erreichen wir einen Aussichts-Punkt auf einem Felsen. Claudia hat inzwischen Kohldampf, während sich bei mir eine Druckstelle am kleinen Zeh‘ meldet. Das sollte man nicht zu lange ignorieren, da es sonst leicht zu einer Entzündung kommen kann. Ist die aber erst mal da, dann lässt sich oft nicht mehr viel dagegen unternehmen. Also: Sie besser erst gar nicht aufkomen lassen..!
Auf einem Felsen sitzend öffne ich das linke Hosenbein der Regenhose und auch den Reisverschluss der Gamasche, die ich noch immer darunter trage.
Und jetzt bemerke ich auch den großen Vorteil, wenn Gamaschen von oben nach unten geschlossen werden: Ich kann nun nämlich meinen Schuh ausziehen, ohne die Gamasche zuvor ebenfalls ganz auszuziehen!

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Claudia sieht mir dabei fasziniert zu und schießt – immer auf ihrem Vesperbrot kauend – ein paar Bilder von dieser Aktion. Dann ziehe ich mir eine unserer Stülpas mit Silikon-Polster über den Zeh und das Problem „Druckstelle“ hat sich erledigt! Und auch die Gamasche ist gleich wieder zu!
IMG_5518Dazu sei auch noch angemerkt, dass diese Gamaschen so leicht und atmungsaktiv sind, dass wir vor unserer Rast überhaupt nicht mehr bemerkt hatten, dass wir sie überhaupt noch anhaben!

Nur wenige Minuten später ziehen wir wieder weiter und erreichen kurz darauf in einer S-Kurve ein historisches Gemäuer. Leider sehen die Ruinen so baufällig aus, dass ich gebührenden Abstand zu ihnen halte. So komme ich aber auch an keine Fotos von ihnen, denn dazu hätte ich sie unterhalb umrunden müssen. Also auch hier mal wieder „nur anschauen“..!

IMG_5561Kurz darauf stoßen wir dann wieder auf einen offiziellen Wanderweg, diesmal mit der Nummer 86. Der führt uns nun direkt hinunter auf die kleine Straße, die von Stia herauf kommt. Kurz bevor wir sie erreichen ist Claudia aber plötzlich völlig aus dem Häuschen: Links von uns sind nämlich ganze „Wiesen“ von wilden Alpenveilchen, leider aber auf einem Privat-Grundstück, das wir wegen hoher Zäune nicht betreten können. Schade, das hätte ich natürlich sehr gerne noch fotografiert.

Dann erreichen wir das Sträßlein und werden dort von einer lachenden Biggi begrüßt. Sie hat Besorgungen in Stia gemacht und ist nun gerade auf dem Heimweg.
Ich gehe mal davon aus, dass Ihr vollends laufen wollt..?“ fragt sie fröhlich aus dem Auto heraus und hat natürlich Recht. Wir folIMG_5575gen dem Sträßlein nun noch für einen knappen Kilometer nach links, und wo es im 90° Winkel nach Norden abknickt, verlassen wir es über einen schmalen Pfad, der uns wieder rechts hinunter führt, zu unserem nicht vorhandenen Weg Nr. 80, vom Morgen.
Der Rest ist dann schnell geschafft und wir erreichen La Chiusa auf dem gleichen Weg, wie wir es heute morgen verlassen haben. Nur die Hirsche sind nun nicht mehr da..!

Auf dem Zimmer duschen wir, bevor wir uns im Kaminzimmer von Biggi und Scipio ein Gläschen Landwein gönnen.
Dann kommt aber doch nochmal etwas Aktion auf, als plötzlich Damwild auf der Wiese vor dem Haus erscheint – eine Hirschkuh mit ihrem diesjährigen Kalb. Die beiden sind hier aber schon so etwas Stammgäste und lassen sich beim Fressen kaum noch stören.

IMG_5552Um ein Foto der Kuh zu bekommen, auf dem sie zu mir her schaut, rufe ich irgendwann laut „Hallo..!“ – und bekomme von Claudia dafür einen Ellenbogen in die Rippen! Macht aber nix – ich hab‘ mein Foto! (Oben!)

Zum Abendessen trumpft Scipio in der Küche dann wieder richtig auf:

Vorspeise

Bruschetta mit Eiern und Petersilie

1. Gang

Tagliatelle (Bandnudeln) mit Wildschweinsoße

2. Gang

Italienische Bratwurst mit Rotweinsoße, gekochten Kartoffeln und Paprikasalat

Dessert

Spezieller italienischer Schokoladenkuchen („Der Weiche“ – supersüß und lecker!)

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Gemeinsam mit Biggi und Scipio lassen wir dann auch diesen tollen Wander-Tag ausklingen. Die Beiden wissen einfach alles über das Casentino und lassen uns gerne daran teilhaben. Auf den Displays der Kameras zeigen wir ihnen noch die Fotos vom Tage, dann ziehen wir uns irgendwann auf unser Zimmer zurück, um uns bei offenem Fenster wieder vom Konzert der Rothirsche in den Schlaf wiegen zu lassen..!

 

Download GPS-Track[urldisplaymode=nomap]

HD-La-Chiusa_Tour-2


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2 Kommentare »

  • Frank Almstädt sagt:

    Hallo Claudia, hallo Rainer,
    es macht wieder großen Spaß eure Berichte mit den tollen Fotos zu lesen.

    Liebe Grüße aus der Eifel
    Frank

  • Rainer (author) sagt:

    Hallo Frank, schön Dich wieder dabei zu haben! Willkommen zurück an Bord!!! Herzliche Grüße, Rainer mit Claudia

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