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Von Immenstadt zum Kemptener Naturfreundehaus

4 Juli 2012 5 Kommentare

Schon abends bringen wir unsere Rucksäcke und die restlichen Utensilien ins Auto. Nach einer recht kurzen Nacht stehen wir dann bereits wieder um halb Vier auf und frühstücken, um schon um halb Fünf im Auto zu sitzen, in Richtung Bregenzerwald.
Wir haben uns entschieden, unser Auto in der Pension Bals in Hittisau – dem Endpunkt unserer Wanderung – zu deponieren und von dort aus gleich mit dem Bus weiter zu fahren, nach Immenstadt. Dort wird dann unser Abenteuer Nagelfluhkette endgültig beginnen.

Es ist halb Zehn, als wir am Bahnhof in Immenstadt eintreffen. Eine Fußgängerbrücke über die Gleise trägt dann bereits die ersten Hinweisschilder zur Mittagsbahn, die uns so zielsicher zur Seilbahn bringen.
Man könnte von Immenstadt aus natürlich auch zu Fuß, durch das wunderschöne Steigbachtal, zum Mittagberg (1.451m) aufsteigen, ab der „hölzernen Kapelle“ führt jedoch nur noch ein geteertes Sträßlein hinauf, zur Bergstation. Und mit 14,2kg Gepäck auf den Schultern müssen wir uns inzwischen nicht mehr beweisen, dass wir dazu in der Lage sind. Wir fahren also ganz bequem mit der Mittagbahn.
Da wir diese Tour über die Nagelfluhkette in erster Linie unternehmen, um sie anschließend auf unserer Seite Rainer & Claudia darstellen zu können, hat unterwegs das Fotografieren natürlich mal wieder absolute Priorität. Und unterwegs derart auf Foto-Qualität ausgerüstet, wiegt dann auch nur die Canon-Tasche, die ich vor dem Bauch trage, schon 2,9kg!
Das ist jedoch nicht das ganze Gewicht, das wir für bessere Fotos zusätzlich mitschleppen: Um auf einem bestimmten Niveau fotografieren zu können, benötigt man in erster Linie Zeit. Man ist also auch deutlich länger unterwegs, wie normale Wanderer und benötig dafür dann wieder mehr Flüssigkeit! Wir haben also auch davon wieder jeder 2 Liter, und damit 2 kg am Rucksack. Wie immer gesüßten Tee, denn der hat sich inzwischen bestens bewährt.

So summiert sich dann natürlich Kilogramm zu Kilogramm und selbst mit dem spitzesten Rotstift kann man dieses Zusatz-Gewicht dann irgendwann nicht mehr weiter „zusammenstreichen“, ohne dass es wieder auf die Qualität der Bilder gehen würde. Aber wie gesagt, genau um diese zu bekommen, nehmen wir das ja alles auf uns..!

Die Berg-Fahrt mit der Mittagbahn kostet für Erwachsene 10,- Euro. Dafür bringen uns die Doppelsessel dann aber auch – über zwei(!) Liftanlagen hintereinander – direkt hinauf, zum Gipfel des Mittagberges, auf 1.450m. Und schon diese Fahrt ist ein Erlebnis für sich und bietet einen tollen Blick auf den Alpsee. Oben angekommen haben wir dann zum ersten Mal einen phantastischen Blick nach Süden und somit nun auch zum ersten Mal hinunter, nach Sonthofen.
Unser heutiges Ziel ist das Kemptener Naturfreundehaus, das etwas abseits der Route liegt. Um es zu erreichen müssen wir aber erst mal, über Bärenkopf und Steineberg, zum Stuiben. Im dahinterliegenden Sattel führt uns unser Weg dann rechts von der Route weg, zu unserer Unterkunft.

Auch Petrus scheint uns wohlgesonnen, denn langsam wird es über uns immer heller und vereinzelt blinzelt sogar schon die Sonne durch erste Wolkenlücken. Als wir uns dann nach Westen wenden, sind wir endgültig auf dem Trail und können es noch immer nicht so richtig fassen: Wir wandern tatsächlich auf der Nagelfluhkette. Das Abenteuer hat begonnen..!

Hier führen uns nun zuerst mal breite Wege in Richtung Bärenkopf und Claudia, die – bezüglich ihrer Höhenangst – immer noch ziemlichen Respekt vor einigen Schlüsselstellen hat, entkrampft so zusehends. Fröhlich schlendern wir daher nebeneinander her und erfreuen uns an der unglaublichen Blütenpracht, links und rechts des Weges. Selbst die Tollkirsche blüht hier oben schon. Es ist Bergfrühling..!

Am Bärenkopf (1.479m) verweilen wir kurz vor einem Schild, das an den letzten, hier geschossenen Braunbären im Jahr 1742 erinnert. Dann halten wir uns wieder rechts und folgen erneut der Generalrichtung der Nagelfluhkette, nach Westen.
Inzwischen ist aus dem ursprünglich breiten Fußweg, bereits ein deutlich schmalerer Pfade geworden, der schon eher in das Landschaftsbild hier oben passen will. Und rechts und links wird er immer wieder dicht gesäumt von unzähligen, blühenden Orchideen, besonders von geflecktem Knabenkraut. Dazwischen finden sich aber auch viele, weiße Waldhyazinthen.

Gut sichtbar liegt nun bereits unser nächste Gipfel, der Steineberg (1.660m) vor uns und ich bemerke, wie Claudias innere Anspannung langsam wieder steigt, je näher wir ihm kommen: Dort führt nämlich eine 17m hohe(!) Eisenleiter hinauf zum Gipfel, vor der sie mächtig Respekt hat. Allerdings kann man diese auch auf schmalen Pfaden umgehen.

Immer wieder bewegen wir uns hier nun durch letzte, lichte Waldstücke, welche vom Regen der letzten Tage noch ziemlich feucht sind. Besonders die vielen Wurzeln, über die wir immer wieder steigen müssen, sind ziemlich „seifig“ und verlangen daher stets unsere volle Aufmerksamkeit.
Aber das hat auch sein Gutes: Wer den Blick nämlich immer konzentriert auf dem Boden hat, der findet dort manchmal eben auch Dinge, nach denen man nicht unbedingt gezielt suchen würde: Kleinode, wie zum Beispiel ein Pärchen Alpensalamander!
Der größere von ihnen bleibt – sehr fotogen – mitten auf dem Weg liegen, bis ich ihn abgelichtet habe. Dass ich dazu wegen des schweren Rucksacks mit einem Knie im Dreck knien muss, läßt Claudia kalt:
Das kann man doch wieder waschen..!“ ist ihr ganzer Kommentar dazu, als ich mich dafür entschuldige.


Dann kommen aber auch schon die ersten Felsabbrüche, unmittelbar rechts neben dem Wegrand, und damit natürlich auch die dazu gehörenden Tiefblicke: Damit sind wir nun wohl endgültig auf der Nagelfluhkette angekommen.
Automatisch macht Claudia dann auch einen kleinen Schritt nach links, weg vom Abgrund, als sie die Stelle passiert. Allerdings möchte sie natürlich auch den unbeschreiblichen Blick, zurück nach Immenstadt, in sich aufnehmen können und kehrt daher doch rasch wieder zum Abbruch zurück.

Ich möchte auch hier noch einmal kurz erwähnen, dass Claudia Zeit ihres Lebens sehr unter Höhenangst litt und solche Touren für sie – noch im letzten Jahr – völlig undenkbar gewesen wären! Aber sie hat sich inzwischen sehr intensiv mit dieser Angst auseinander gesetzt und erkannt, dass sie diese zwar wohl nie völlig verlieren wird, aber durchaus lernen kann, sie zu beherrschen, anstatt sich (wie bisher!) ständig von ihr beherrschen zu lassen. Und daran arbeitet sie ganz konsequent und mit zunehmendem Erfolg!

Dann bleibt der Wald langsam zurück, denn wir erreichen hier oben die Baumgrenze. Unser Pfad folgt aber stets weiter dem Kamm aufwärts und wechselt dabei immer wieder einmal von der linken, auf die rechte Seite. Sind wir gerade links, sehen wir über die Schulter zurück Sonthofen. Sind wir wieder mal rechts, Immenstadt. Und dann sieht Claudia plötzlich ihren Angst-Gegner zum ersten Mal vor sich: Die 17m hohe Eisenleiter. Wirklich beeindruckend ragt sie nun unmittelbar vor uns in die Höhe.
Ich sehe wie mein Mädchen einmal trocken schluckt und gehe zu ihr.
Es bleibt bei unserer Absprache..!„, bestätige ich ihr noch einmal eindringlich, um sie etwas zu beruhigen. „Wenn Du die Leiter lieber umgehen möchtest, dann tue das bitte..!
Sie nickt nur wortlos und geht dann weiter. Und auch noch ein weiteres Mal wird sie von ihrer Angst kurz abgelenkt, als wir plötzlich vor einem ganzen Kissen Frühlings-Enzianen stehen. Ihr intensives Blau springt uns (hinter einem Wegeknick) erst in die Augen, als wir schon unmittelbar davor stehen. Wunderschön..!

Während wir dann die letzten, steilen Meter bis zum Fuß der Leiter überwinden, findet Claudia dort ganz überraschend Leidensgenossinnen: Zwei weitere Frauen entscheiden sich hier nun ebenfalls spontan für die Umgehung. Aber Claudia hat nun keineswegs Panik, wie es wohl früher der Fall gewesen wäre, sondern eher nur einen gesunden Respekt! Und sie steigt für mich sogar zum Größenvergleich noch kurz in die Leiter ein, damit ich ein Foto von dieser machen kann.

Dann folgt sie jedoch den anderen beiden Ehepaaren auf die Umgehung und ich stehe alleine vor dieser Herausforderung: Um für die GPS-Aufzeichnung nämlich den korrekten Weg darstellen zu können, habe ich mir vorgenommen, sie mit dem Garmin tatsächlich zu überwinden.
Nun, ich muss zugeben, auf den letzten Metern nach oben sind meine Arme dann immer länger geworden. Dafür steht man dann aber plötzlich auch völlig überraschend direkt neben dem Gipfelkreuz des Steinebergs.

Dort lasse ich nun auch nur noch den Rucksack fallen und schnalle die Kamera-Tasche ab. Dann brauche ich nur noch Tee: Mein Durst ist inzwischen so gewaltig, dass ich wohl einen halben Liter auf „ex“ trinke.

Erst danach wird mir bewusst, dass ich hier oben völlig alleine bin. Niemand ist zu sehen und es dauert dann auch noch eine ganze Weile, bis die anderen Wanderer-Ehepaare von unten erscheinen. Und ich muss noch mal weitere zehn Minuten warten, bis endlich auch Claudia auftaucht. Inzwischen habe ich mir schon etwas Sorgen um sie gemacht!
Dann sitzen wir aber endlich gemeinsam am Gipfelkreuz des Steinebergs und genießen die unbeschreibliche Aussicht, hinüber auf die Alpen.
Auch ohne die „Angst-Leiter“ überwunden zu haben ist Claudia mächtig stolz, es bis hierher ohne weitere Probleme geschafft zu haben, denn auch der schmale Pfad der Umgehung ist stellenweise etwas ausgesetzt, wie ich erst jetzt erfahre.
Nach und nach wird sie nun im gleichen Maße immer selbstsicherer, wie ihre Zweifel und Ängste abnehmen. Sie wird es bis nach Hittisau schaffen, da bin ich mir inzwischen absolut sicher!

Noch einmal steige ich dann von oben kurz auf die Leiter, um sie mit mir als Größenvergleich fotografieren zu lassen. Und von oben nach unten sieht sie nun sogar noch viel beeindruckender aus, als von unten. Da Claudia das nicht fotografieren kann, hilft mir einer der anderen Wanderer aus. Dann machen wir noch ein paar Bilder am Gipfel und verabschieden uns. Keiner der anderen hat nämlich noch unsere Strecke vor uns.

Auf dem schmalen Grat des Steinebergs wandern wir nun wieder in unsere General-Richtung – nach Westen. Dieser Pfad ist nun in der Wanderkarte durchgehend rot „gepunktet“ und zusätzlich mit der Warnung „Trittsicherheit!“ versehen. Gepunktete Wegelinien bedeuten laut Kartenlegende: „Weg mit alpiner Gefahr„.


Aber Claudia meistert nun alle weiteren Aufgaben bravourös und ist zunehmend stolz auf sich selbst! Das verleiht ihr natürlich auch zusätzlich Selbstsicherheit, und davon wird sie später wohl noch einiges brauchen. Am Stuiben wartet nämlich noch mal ein weiterer Alpiner Steig auf uns, der Drahtseil-gesichert ist. Und auch davor wird es noch einmal entlang von Drahtseilen, ein paar Meter abwärts gehen, wie wir wissen.

Aber sie wächst nun sichtlich mit ihren Aufgaben und hat sogar immer auch noch den Mut, mir sogar in etwas ausgesetzteren Passagen, kurz für ein Foto zu possieren..!

Fröhlich ziehen wir daher über schmale Pfade, immer entlang dem Grat und schießen Bild um Bild. Dann erreichen wir den bereits erwarteten, kurzen Drahtseil-versicherten Abstieg, entlang einer abwärts führenden Felskante. Claudia geht nur einen Schritt nach vorne und grinst: „Kein Problem..! Soll ich vor..?
Die Frage bezieht sich auf’s Fotografieren. Sie überläßt mir so die Wahl der Perspektive: Von vorne, oder doch lieber von hinten?
Ja, inzwischen sind wir ein gut eingespieltes Team, das meist ohne viel Worte auskommt. Claudia weiß ganz genau, wie ich hinter der Kamera „ticke“ und wer unsere Fotos einmal genauer anschaut, wird schnell bemerken, dass sie – neben Claudia – auch immer möglichst viel vom „Weg“ zeigen. Und um einen Weg, oder Pfad auf einem Foto wirklich beurteilen zu können, bedarf es eben zwingend einer Person daneben, als Größenvergleich!

Der Abstieg ist schnell gemeistert, dann stehen wir gemeinsam unten auf dem Pfad (Im Bild Links zu sehen!). „Premiumwanderweg..!„, schmunzelt Claudia vor sich hin.
In der Tat handelt es sich bei dem Weg über die Nagelfluhkette um die Fernwanderwege E4/E5, die als Premiumwanderwege ausgewiesen sind. Dafür wurden zwar einige Passagen über die Nagelfluhkette etwas entschärft, man sollte aber den Begriff „Premiumwanderweg“ trotzdem nicht mit „Spazierweg durch den Kurpark in Baden-Baden“ verwechseln. Diese Wege hier oben fordern einem nämlich immer wieder mal alles ab!

In Sichtweite der Abzweigung, hinunter zur Alpe Gund machen wir dann noch eine weitere, kurze Pause. Claudia hat Hunger, ich hingegen möchte nur noch trinken. Aber das Sitzen tut gut, vor allem ohne den schweren Rucksack auf den Schultern zu haben.
Während Claudia etwas ißt, betreibe ich ein kleines Kartenstudium: Nun wird es nämlich gleich hinauf gehen, zum Stuiben-Gipfel (1.749m) und der hat es dann – wie wir wissen – noch einmal so richtig in sich. Das konnten wir im Internet gut recherchieren.

Dann geht es aber anschließend nur noch über breite Wanderwege zum Etappenziel, dem Kemptener Naturfreundehaus..!„, kann ich Claudia daher versprechen, die gerade wieder etwas unsicherer wird.
Sie nickt nur:
Wir werden sehen..!„, meint sie dann nur, als sie den Mund wieder leer hat.

Was nun kommt, verbraucht (mit den großen Rucksäcken) aber so richtig „Körner“: Zuerst geht es auf schmalen Pfaden durch eine ziemlich steile Halde. Dann erfordert ein hoher Absatz etwas Kletterei, bevor es „oben“ dann wieder nach rechts, und weiterhin schmal durch die Wand geht.

Irgendwann folge ich dann einer Geröllhalde links aufwärts und stehe plötzlich auch noch im letzten Schnee des vergangenen Winters. Und wieder „oben“ (auf dem Weg!) angekommen sehe ich dann auch das Seilgeländer dieses alpinen Steiges über mir, vor dem Claudia schon von Anbeginn unserer Planung an, Angst hat.
Genau genommen sind es sogar zwei Seile, wie ich nun zum ersten Mal erkennen kann. Sie verlaufen hintereinander, und zudem auch noch etwas zueinander nach oben versetzt. Nun, eigentlich ist diese Passage überhaupt nicht schlimm, denn Claudia hat heute unterwegs schon ganz andere Hindernisse überwunden. Aber diese unglaublichen Tiefblicke..!

Aber von hier oben aus sieht man nun völlig frei hinunter, bis ins Gunzesrieder Tal. Und was mir persönlich überhaupt nichts ausmacht, lässt Claudia neben mir sofort wieder völlig verkrampfen. So kämpft sie sich mit meiner Hilfe noch mutig die letzten Meter hinauf, bis wir oben endlich die Viehweide erreichen und dort dann die letzten Meter bis zum Gipfel wieder auf schmalen Pfaden „normal“ gehen können. Erst am Gipfelkreuz – auf sicherem Boden – angekommen, lässt sie langsam wieder los und entkrampft. Dort nehmen wir dann auch noch einmal die Rucksäcke ab, um etwas zu verschnaufen.
Von hier aus wird es nun nur noch recht bequem hinunter gehen, in den Sattel zwischen Stuiben und Sederstuiben und dann auf breiten Wanderwegen weiter, zum Kemptener Naturfreundehaus.

Dann erhalten wir jedoch überraschend Besuch: Zwei freche Bergdohlen kommen schnurstracks auf uns zugeflogen und nehmen erst mal auf Claudias Rucksack, und dann sogar direkt auf dem Tisch Platz.
Beim Füttern der putzigen Kerle sind Claudia’s Probleme natürlich rasch wieder vergessen und sie freut sich inzwischen jedesmal diebisch darüber, wenn sie wieder eine der Dohlen erfolgreich dazu genötigt hat, ihr das Fressen direkt aus der Hand zu holen!

Kurz darauf ziehen wir dann gemütlich hinunter, in den bereits beschriebenen Sattel, wo der Weg rechts zur Alpe Gund abzweigt. Unterwegs freundet sich Claudia noch kurz mit einem jungen Kälbchen an, das völlig verzückt an ihrer Hand leckt. Wahrscheinlich hat es das Salz auf Claudias verschwitzter Haut gefunden.

Unten im Sattel, direkt am Schilderbaum treffen wir noch auf eine größere Wanderer-Gruppe, die uns hier vom Sederstuiben her, entgegen kommt und mit uns gemeinsam zur Alpe Gund absteigt, um dort zu übernachten. Und diese Erkenntnis, dass man in der Alpe Gund ebenfalls übernachten kann, ärgert mich dann schon etwas. Denn trotz unserer ganzen Internet-Recherche, haben wir bisher nicht gewußt, dass man in der Alpe Gund ebenfalls übernachten kann, und selbst in den Karten ist sie nur als Senn-Alpe, also zur Einkehr bezeichnet.
Der Vorteil der Alpe Gund liegt einfach darin, dass sie nur 20 Minuten vom Trail entfernt liegt, während wir nun noch eine ganze Stunde zum Kemptener Naturfreundehaus wandern müssen, und morgen früh dann natürlich auch wieder zurück!

Allerdings führt uns dieser Weg – sehr kurzweilig und gut zu gehen – über die Mittelberg-Alpe (Einkehr möglich) und vorbei an der Seifenmoos-Alpe. So sehen wir erneut eine fast unberührte Natur, denn die Almwiesen sind auch hier wieder völlig übersäht von blühendem Knabenkraut und gelbem Enzian.
Ich bin nun eigentlich sogar richtig froh, dass wir nicht mit dieser großen Gruppe zusammen übernachten müssen..!„, bricht Claudia dann irgendwann das Schweigen und ich muss ihr Recht geben. Nachdem wir nämlich unseren Wanderblog erwähnt hatten, wurden wir vom Wanderführer sichtlich auf Distanz zur Gruppe gehalten. Konkurrenzdenken, hier oben am Berg? Eigentlich Schade..!
Dann ziehen wir das letzte Stück Weg hinauf, zur Alphöhe. Dort oben – gerade mal drei Kilometer vom Trail entfernt und etwas versteckt, hinter einem kleinen Waldstück – liegt nun irgendwo unser heutiges Ziel, das Kemptener Naturfreundehaus.
Inzwischen freuen wir uns beide mächtig auf eine heiße Dusche und frische Klamotten. Und auch ein Teller Suppe würde uns nun sicher gut tun!

Dann taucht es endlich zwischen den Bäumen auf und wir erreichen – vorbei an Kaninchen und Ziegen – die sehr respektable Unterkunft.
Schon im Eingang werden wir vom Haushund, einem beeindruckenden Rottweiler, freudig begrüßt. Rufname: „Chef“..!
Wir betreten die urige Gaststube und lernen dort Waldemar Dortmann kennen. Er wird allgemein nur „Waldi“ gerufen und führt das Kemptener Naturfreundehaus gemeinsam mit seiner Frau. Mit seinem langen, weißen Bart ist er dann wohl auch das, was man als ein echtes, allgäuer Unikat bezeichnen darf!
Waldi hat die Gaststube extra für uns gut eingeheizt und verbreitet auch sonst angenehme Gastlichkeit.
Sein: „Ihr habt’s doch sicher en Durst..?„, ist dann wohl auch weniger eine Frage, als eine Gewissheit. Hier oben kommt nämlich keiner ohne Durst an!

Wir leeren nur schnell ein erstes Apfel-Schorle und erfahren nebenher, dass wir heute die einzigen Übernachtungs-Gäste sind. Die zusätzliche Strecke von der Alpe Gund bis hierher scheint sich also tatsächlich schon gelohnt zu haben – wir werden die unglaubliche Ruhe hier oben nämlich mit niemandem teilen müssen..!
Waldi gibt uns noch zwei Duschmarken und erklärt uns auch kurz die Hausordnung (Der Wohn und Waschbereich darf nicht mit Wanderstiefeln betreten werden!), dann führt er uns zu unserem kleinen, aber picobello-sauberen Zweibett-Zimmer, im ersten Stock. Zu unserer Überraschung sind hier sogar die Betten bezogen, wir benötigen also überhaupt keinen Hüttenschlafsack!

Nach dem Duschen und Umziehen kehren wir in Hüttenschuhen zurück, in die wohlig-warme Gaststube. Nicht nur Waldi, sondern auch der Chef erwartet uns dort bereits und der holt sich bei Claudia dann auch gleich mal seine Streicheleinheiten ab.

Auch Waldi setzt sich zu uns und erzählt uns zunächst mal interessantes zum Kemptener Naturfreundehaus und über seine kulinarischen Spezialitäten. Alle natürlich sehr deftig, genau so wie man es auf einer Berghütte erwartet. Für uns hat er sie alle auf einem Zettel zusammengeschrieben, den er auf den Tisch legt. Käsespätzle sind seine Spezialität, erzählt er uns und – ich bin überrascht – Currywurst mit Pommes! Wir probieren beides und ich lasse Claudia den Vortritt bei den Käs’Spatzen. Die liebt sie, vor allem so toll abgeschmelzt mit Röstzwiebeln, wie Waldi sie serviert! Aber zuerst bekommt sie mal einen gewaltigen, gemischten Salat. Doch, Waldi ist hier oben wirklich auf hungrige Wanderer eingerichtet..!

Aber ich bin bald ebenfalls überrascht: Auch die Currywürste (Achtung: Plural, es sind nämlich zwei!) sind Klasse, sogar mit einer selbst gemachten Soße – und erst die Pommes..!

Kurz und gut: Ich schaffe nur die Hälfte und auch Claudia muss irgendwann auf halber Strecke passen. Darauf dann aber noch einen (wirklich edlen!) Marrillenschnaps, und anschließend noch mal einen (weil der Erste so gut war!), dann sind wir beide ganz langsam bettreif..!

Ich lasse hier unten alles offen, falls ihr heute Nacht Durst bekommt..!„, lässt uns Waldi abschließend noch wissen, dann verabschieden wir uns auf’s Zimmer, wo wir wie die Toten schlafen. Bergluft..!

Fazit der ersten Etappe:

Von Immenstadt bis zum Kemptener Naturfreundehaus sind es (inklusive Seilbahn-Fahrt) 13,4 Kilometer. Dabei werden (ebenfalls inklusive Seilbahnfahrt) 1.291 Höhenmeter im Anstieg und 612 Höhenmeter im Abstieg überwunden. Einkehr ist unterwegs nur am Mittagberg (Bergstation) und in der Alpe Gund, so wie in der Mittelberg-Alpe möglich. Achtung: Beide Alpen liegen abseits der Route!

Wir meinen, dass diese Etappe eine phantastische Bergwanderung für geübte Wanderer mit guter Kondition ist! Achtung: Nicht nach starken Niederschlägen, oder bei Nebel in die Route einsteigen! Absolute Trittsicherheit zu besitzen ist absolut erforderlich! Eine etwa vorhandene Höhenangst muß an mehreren Stellen unbedingt überwunden werden können!
Kritische Bereiche finden sich am Steineberg und beim Aufstieg zum Stuiben. Die 17m hohe Leiter am Steineberg kann auf schmalen Pfaden umgangen werden. Der Aufstieg zum Stuiben ist seilversichert und technisch nicht besonders schwierig. Diese Passage bietet jedoch ungemeine Tiefblicke und erfordert daher die Überwindung einer etwa vorhandenen Höhenangst!

Der Weg ist stets hervorragend beschildert und markiert (Blaustrich!), so dass ein Verlaufen kaum möglich ist. Kritische Passagen sind auf der ganzen Nagelfluhkette mit Seilen gesichert. Der Pfad ist als Premiumwanderweg ausgewiesen, trotzdem müssen immer wieder ausgesetztere Passagen überwunden werden!

Ab der Alpe Gund ist auch eine Rückkehr nach Immenstadt, durch das Steigbachtal möglich. So wird aus dieser Tagestour eine wirklich tolle, jedoch recht anspruchsvolle Rundwanderung. In diesem Fall kann der Aufstieg zum Stuiben auf einem schmalen Pfad (Im Grund) zur Alpe Gund umgangen werden.

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5 Kommentare »

  • Rahel sagt:

    Hallo zusammen,

    super Bericht! Vielen Dank!

  • Klaus sagt:

    Hallo,

    freut mich dass euch die Tour gefallen hat, habe die Nagelfluhgratwanderung selber erst vor einem Jahr in der klassischen Richtung von Ost nach West an einem Tag gemacht. Schlaucht zwar, und wie in eurem Bericht vollkommen richtig erwähnt ist die Tour auch sonst anspruchsvoll (3 3/4 Liter Flüssigkeit, zwischen Hochgrat und Mittagberg gibt es nichts ausser einem Brunnen!). Aber alleine schon der Ausblick wenn man von der Bergstation am Hochgrat rauskommt ist der Hammer, vorher sieht man ja die typischen Voralpen von Oberstaufen, und auf einmal… wow, und das die ganze Strecke!

  • Rainer (author) sagt:

    Hallo klaus, herzlichen Dank für deinen freundlichen Kommentar! Ja, man muss es wohl wirklich selbst erlebt haben, um es richtig nachempfinden zu können..! Lieben Gruß, Rainer

  • Alexander K. sagt:

    Hallo,
    auf dem ersten Blick sehen manche Wanderwege etwas gefährlich aus. Ein unglaublich ausführlicher Reisebericht. Ich finde ganz besonders die Naturlandschaften sehr interessant und einladend.

    Mit freundlichen Grüßen aus Bad Liebenzell

  • Orkan sagt:

    Hallo ihr beiden,

    vielen Dank für eure tollen Berichte! Ich laufe viele der von euch gewanderten Routen bzw. habe dies noch vor. Die Nagelfluhkette gehört dazu. Dank eurer Bilder kann ich mir einen sehr guten Überblick über die Wege, Einkehrmöglichkeiten sowie besonderen Passagen machen.
    Danke Rainer, dass du die schwere Kamera mitschleppst und Danke Claudia für’s posieren.

    Lieben Gruß
    Orkan

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