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Kungsleden, 9. Etappe: Aktsestugorna – Parte-Hütten

27 Juli 2013 2 Kommentare

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Man gewöhnt sich wohl nur beim Lesen dieser Berichte daran: Es regnet nämlich schon wieder! Unter diesen Umständen beschließen wir, auf das Rudern zu verzichten und uns per Motorboot über den Laitaure bringen zu lassen. Und auch Justine und Péha, unsere beiden Franzosen, schließen sich dieser Entscheidung nach nur einem einzigen Blick aus dem Fenster an!

IMG_3329Der Preis von 400 SK/46,51 Euro für uns beide ist zwar wieder mal stolz, aber es wären ja immerhin auch 3,0 Kilometer gewesen, die wir im Regen hätten rudern müssen. Und dabei haben wir noch nicht einmal nachgesehen, ob wir diese Strecke nur einmal, oder vielleicht sogar dreimal hätten zurücklegen müssen, um auch für die nachfolgenden Wanderer wieder ein Boot zu hinterlassen.

Für alle, die noch nicht mit dieser Vorgehensweise vertraut sind: Der STF (Svenska Turistföreningen) stellt für alle Kungsleden-Wanderer an den zu Überquerenden Seen jeweils drei Ruderboote (kostenlos) zur Verfügung. Somit liegen auf einer Seite eines Gewässers immer zwei Boote, auf der anderen Seite jedoch nur Eines.
Kommt man nun dummerweise auf der Seite an, an der nur ein Boot liegt, dann muss man hinüber rudern, drüben ein 2. Boot in Schlepp nehmen und damit wieder zurück rudern, bevor man dann die eigentliche Ruderstrecke in Angriff nehmen kann, um selbst überzusetzen. So wird sicher gestellt, dass jeder Wanderer, egal von welcher Seite er auch kommt, immer ein Boot vorfindet!

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Kurz vor Neun treffen wir uns beim Stugwart und seiner Frau, um dann gemeinsam hinunter zu gehen, zum Laitaure. Es ist etwa noch ein Kilometer, von den Aktse-Hütten bis zum See, der überwiegend auf Bohlenwegen zurück gelegt wird. Unterwegs bückt sich die Frau des Stugwarts dann plötzlich und zeigt uns ein paar kleine, recht unscheinbare Plänzchen, die hier unmittelbar neben den Holzbohlen wachsen.
IMG_3332Spider-Orchids..!„, erklärt sie uns. Winzig kleine, einheimische Orchideen.
Schade, die hätten wir uns natürlich schon gerne genauer angeschaut, und vor allem auch fotografiert. Aber dafür ist der Regen einfach zu stark, und das Licht zu schwach.

Durch unsere vier Rucksäcke ist es im Boot ziemlich eng. Außerdem ist alles nass vom Regen der vergangenen Nacht. So sind wir sind froh, die wasserdichten Regenhosen und unsere Texapore-Jacken anzuhaben.
Der Stugwart überquert den See mit dem Boot zügig, steht dabei aber immer wieder auf und sucht das Wasser ab.
When we have strong rain in the Mountains, many trees are coming down from Sarek..!„, erklärt er mir, als er meinen fragenden Blick sieht. Und auch, dass der Sarek der heilige Berg der Samen sei.

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Die Überfahrt dauert nur 15 Minuten, dann passieren wir auch drüben wieder eine kleine Schutzhütte, in der man trocken auf das Motorboot warten kann. Hinter einem Zaun liegt eine große Rentier-(Geweih)-Stange, die Claudia mit Bewunderung betrachtet. Leider ist sie viel zu schwer, um sie mitzunehmen. (Auch die Rentiere werfen ihr Geweih im Winter ab, bevor ihnen dann im Sommer wieder ein Neues nachwächst!)

P1070463Inzwischen hat es wenigstens wieder aufgehört zu regnen, so dass wir die Ponchos hinter den Schultern zusammen rollen können, um nicht unnötig zu schwitzen.
Der Weg verläuft hier nun erst mal recht eben. Trotzdem verlangt er uns bereits wieder höchste Aufmerksamkeit ab. In den Bohlenwegen fehlen nämlich immer wieder Planken, oder manchmal verläuft auch gleich der ganze Bohlenweg „unter Wasser“!
So etwas gehört natürlich immer dazu und wäre hier eigentlich auch gar nicht erwähnenswert, aber mit den schweren Rucksäcken ist man da schon etwas unbeweglicher. Und sind die zwanzig Kilo auf dem Rücken erst mal in eine bestimmte Richtung „unterwegs“, dann bedarf es schon eines relativ hohen Kraftaufwandes, die Richtung wieder zu ändern, oder diese Bewegung gar völlig zu stoppen! Und bitte auch nicht vergessen, dass wir dabei meist auf nassen, schlüpfrigen Bohlen unterwegs sind!

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Dann steigt der Pfad aber wieder steil an und führt uns erneut hinauf, ins baumlose Kahlfjäll. Rasch lassen wir die Baumgrenze hinter uns und wandern dann erneut auf schmalen Pfaden durch eine herrliche Gebirgslandschaft, mit der ihr typischen Tundra-Flora: Hier wachsen nun nämlich wieder nur noch niedere Moose und Flechten.
IMG_3345Inzwischen befinden wir uns am Rand des berühmten Sarek-Nationalparks. Leider jedoch, ohne viel von ihm sehen zu können, da wir einmal mehr in dichten Wolken unterwegs sind!
Dabei hat sich Claudia doch gerade auf dieses Teilstück so sehr gefreut. Die umliegenden Seen waren Anfangs gerade noch im Nebel zu sehen gewesen, jetzt entschwinden sie unseren Blicken aber immer weiter – schade!

Im dichten Nebel wird es dann auch gleich wieder fühlbar kälter und zudem ach ziemlich feucht! Ein ganz feiner Wassernebel hängt in der Luft und verschafft uns beim kontinuierlichen Aufstieg zwar angenehme Kühlung, gleichzeitig raubt er uns aber auch jede Sicht.
Als wir wieder einmal kurz verschnaufen, zeige ich Claudia im Display des Garmin den großen See, der hier nun direkt unter uns liegt, ohne dass wir etwas von ihm sehen können.

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Wenn man unterwegs beim Wandern nichts sehen kann, dann driften die Gedanken irgendwann ganz automatisch zum Etappenziel ab. Parte heißt unser heutiges Tagesziel, aber im Augenblick ist das für uns auch nur eine weiteren Stuga, an einem weiteren See. Und wenn man derart stumpfsinnig vor sich hin stampft, dann scheint zu allem Überfluß auch plötzlich die Zeit stehen zu bleiben. Ein kurzer Blick auf den Garmin bestätigt mir dann auch, dass es wohl noch knappe 8 Stunden dauern wird, bis wir die Hütten erreichen werden! Mist..!

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Dann löst sich der Nebel aber ganz plötzlich auf und gibt uns sogar schon bald wieder erste Blicke hinunter, ins Tal frei! Natürlich wird es dabei dann noch einmal etwas nasser, denn das Wasser aus den Wolken muss nun ja irgendwo hin. Der Nebel „regnet“ also erst mal ab! Wir erreichen aber gerade noch rechtzeitig die Schutzhütte, die mir mein Garmin bereits seit einer ganzen Weile avisiert, und machen dort dann eine verdiente Rast im Trockenen.

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Kurz darauf sehen wir dann durchs Fenster schon erste Sonnenstrahlen und Claudia drängt zum Aufbruch. Und obwohl es schon längst aufgehört hat zu regnen, müssen wir nun unsere Regen-Ponchos noch einmal einem kurzen Härtetest unterziehen: Von der Hütte aus führt der Pfad nun nämlich erst mal durch übermannshohes und vom Regen triefnasses Gestrüpp! Noch einmal streifen wir dabei dann wieder unzählige Liter Wasser von den Fjällbirken ab!

IMG_3355In meinen Schuhen wird es kurz darauf auch wieder kalt und Claudias verzogenes Gesicht bedeutet wohl das Gleiche: Wir haben beide schon wieder nasse Füße!
In solchen Situationen träume ich dann immer wieder von diesen Gamaschen! Und ich verspreche mir selbst hoch und heilig, dass ich sie mir gleich nach unserem Urlaub zulegen werde. Nie wieder nasse Füße..!

Dann wird der Weg noch einmal unglaublich anstrengend. Auf Blockhalden werden wir nun nämlich über den Pass zwischen Huornati (884m) und Faunaive (1.117m) geführt. Da die Felsen jedoch noch nicht vollständig abgetrocknet sind, verlangt dieser Abschnitt jetzt noch einmal unsere volle Konzentration. Man weiß nun nämlich nie, ob man mit dem nächsten Schritt auf den feuchten Steinen Halt findet, oder nicht! So sind wir dann auch wirklich froh, als wir den Pass endlich hinter uns haben.

IMG_3358Wo sich der Pfad hinter dem Scheitelpunkt senkt, bleiben wir dann beide andächtig stehen. Von hier aus können wir nämlich bereits hinunter sehen, auf unser Ziel. Der See Sjabtjakjaure, an dem unser heutiges Etappenziel liegt, glänzt gut sichtbar in der Ferne. Und direkt vor unseren Füßen, aber eben noch tief unter uns, beginnt ein intensiv-grünes Waldgebiet, das sich bis ganz hinüber zu den Bergen erstreckt, die dieses Tal mit dem See umrahmen.

Ich kenne jemand, der würde jetzt wohl wieder sagen: Einfach zum Niederknien..!“, meint Claudia ganz andächtig, und ohne dass es sich kitschig anhört.
Und ich kenne den Urheber dieses Spruches natürlich ebenfalls. Es ist Klaus Gülker, Moderator von vielen Wander-Sendungen bei SWR4!
Doch..!„, pflichte ich Claudia daher bei, „Auch ich würde jetzt sehr gerne hören, was er wohl zu diesem Panorama sagen würde..!
Dann noch schnell ein paar Fotos, bevor wir uns zügig auf den Weg hinunter machen, ins Tal. Es ist bereits wieder kurz vor Sieben!

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Der Abstieg ist lang, steil und rutschig und so natürlich wieder wahres Gift für Claudias geschundene Knie. Einmal fällt sie sogar hin, rappelt sich aber tapfer wieder auf. Und mit der Baumgrenze kommen dann zu allem Überfluss auch wieder die Moskitos. Wir machen daher einen schnellen Boxenstop, um uns Gesicht, Hals und Hände mit Mygga einzucremen, einem schwedischen Mückenschutz-Mittel. Das haben wir gestern noch geschenkt bekommen, um es einmal auszuprobieren. Fazit: Es ist genauso gut wie Autan, stinkt aber nicht ganz so penetrant.

IMG_3362Dann wird es endlich ebener und als wir uns schon fast am Ziel glauben, stehen wir nur vor einem Fluß, ohne Brücke.
Ach nein..!„, stöhnt Claudia auf. „Bitte nicht..!
Aber es hilft ja nichts, wir müssen durch. Er ist sogar recht tief und hat zudem auch eine ziemlich starke Strömung. Gedankenlos ziehe ich also den ersten Schuh mit dem Strumpf aus und werde dort dann von den Moskitos buchstäblich aufgefressen.
Halt..!„, rufe ich daher Claudia zu und greife gleichzeitig nach dem Mygga-Stick. Danach habe ich an diesem Fuß Ruhe. Erst dann ziehe ich den zweiten Schuh mit dem Strumpf aus und gebe den Viechern auch dort gleich Saures!
Dann reiche ich den Stick an Claudia weiter, hänge mir die Schuhe um den Hals und wate hinüber, auf die andere Seite.

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Da das Wasser beim Durchwaten natürlich viel von der Wirkung des Mücken-Schutzmittels abgewaschen hat, warten die Moskitos drüben bereits wieder auf mich. Aber sie sind nun doch nicht mehr ganz so vehement, wie zuvor ohne Mygga. Ich ziehe mich daher in aller Ruhe wieder an und habe dann sogar Zeit, noch ein Foto von Claudia zu machen.
IMG_3365Danach gehen wir zum Endspurt über und erreichen kurz darauf die Partestuga. Zuvor müssen wir jedoch noch ein paar längere „Unterwasser-Bohlenstege“ überwinden, die uns noch einmal volle Konzentration und viel Zeit kosten. Hierbei geht es nämlich nicht mehr nur um nasse Füße, vielmehr würde ein Fehltritt im Moor ganz zwangsläufig auch einen Sturz bedeuten! Und das mit den schweren Rucksäcken..?

Als wir die Stuga endlich erreichen, ist es daher bereits auch schon nach 22.00 Uhr! Nur Justine und Péha, unsere beiden Franzosen begrüßen uns noch. Der Stugwart schläft wohl schon, oder hat vielleicht auch einfach nur keine Lust mehr uns noch zu begrüßen. Als ich vorsichtig bei ihm klopfe, sieht Claudia, wie sich eine Gardine bewegt. Sonst nichts!
Na gut! So zelten wir halt einfach hinter den Hütten und lassen den Abend dann trotzdem gemütlich auslaufen: Waschen, Tee und Suppe kochen, und anschließend den Moskitos eine lange Nase machen..!

Zusammenfassung 9.Etappe: 24,4 Kilometer, 669 Höhenmeter im Anstieg, 739 Höhenmeter im Abstieg – Dauer: 13,5 Std.

Wenn Du gerne noch mehr über den Kungsleden erfahren möchtest, dann empfehlen wir Dir den kleinen Reiseführer von Michael Hennemann:

Schweden: Kungsleden

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Kungsleden, 8. Etappe: Sitojaure – AktsestugornaKungsleden, 10. Etappe: Partestuga – STF-Fjällstation Kvikkjokk

2 Kommentare »

  • Jörg Rapp sagt:

    Paul Wohl, mein Begleiter 1969 und 72 in Padjelanta und Sulitelma,
    sagte des vielen Regens wegen immer: Die Sonne ist im Regen ersoffen.

  • Rainer (author) sagt:

    Hallo Jörg, sehr passender Spruch..!

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