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Kungsleden, 7. Etappe: Vakkotavare – Sitojaure

24 Juli 2013 4 Kommentare

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Als der Garmin piepst, öffne ich die Augen und nehme zufrieden zur Kenntnis, dass draußen die Sonne scheint. Heute ist ja auch der 21. Juni und Sommer-Sonnwende (Midsommar). Der Längste Tag des Jahres mit der kürzesten Nacht, wird in Schweden als zweitwichtigster Feiertag, gleich nach Weihnachten gefeiert. Ähnlich den Feierlichkeiten zum 1. Mai, bei uns..!

IMG_3287Die weißen Nächte, wie man diese „Nächte“ ohne Dunkelheit auch gerne bezeichnet, sind für Claudia und mich wirklich ein tolles Erlebnis. Immer wieder ist man völlig fasziniert von der Sonne, die manchmal mitten in der Nacht, plötzlich hinter einem Berg, oder auch nur hinter Wolken hervorkommt!
Optisch steht die Sonne dabei auf einer Höhe, die man so in etwa von 16.00 Uhr, bei uns zu Hause gewohnt ist (Sommer!). Auf dieser Höhe bleibt sie dann aber, und wandert (anstatt unter zu gehen!) in 24 Stunden einmal komplett um einen herum. (Daher steht sie „nachts“ dann auch mal direkt im Norden, was bei uns ja völlig unmöglich wäre!)

Sehr gerne hätten wir unsere innere Uhr auf dieser Kungsleden-Tour etwas weiter nach hinten verschoben, um so noch mehr Mitternachts-Sonne erleben zu können. Davon abgehalten hat uns aber dieser eiskalte Wind, der jeden Abend auftaucht, und natürlich auch die Tatsache, dass die Schweden selbst ihren normalen Tages-Rhythmus natürlich ebenfalls beibehalten. Und wenn man – wie beispielsweise heute – auf den Bus angewiesen ist, dann muss man eben immer wieder in diesen „normalen“ Alltags-Rhythmus zurückkehren.

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Unser Bus nach Kebnats fährt um 10.15 Uhr und kostet heute ausnahmsweise einmal gar nichts. Die elektronische Kasse „has broken„, erklärt uns die freundliche Busfahrerin und nimmt dann alle Fahrgäste kostenlos mit!
Von Kebnats aus werden wir anschließend mit einem STF-Boot zur Fjällstation Saltoluokta, am gegenüberliegenden Ufer, übergesetzt. Der Fahr-Preis beträgt 150 SK/Person – 17,44 Euro. Das Schiff fährt während der Saison mehrfach täglich, abgestimmt auf den Busfahrplan.

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Drüben müssen wir uns dann zuerst einmal orientieren. Aufgrund des Mittsommer-Festes sind heute (Freitag!) viele Schweden hier heraus gekommen, um übers Wochenende gemeinsam zu grillen und zu feiern. Das macht die Situation etwas unübersichtlich. Würdet Ihr mich daher hier nach dem Weg fragen, dann würde ich Euch spontan antworten: „Immer nur aufwärts..!
P1070437-2In Schweden habt Ihr unterwegs ja keine großen Steigungen zu erwarten..!„, äfft Claudia dann mal wieder einmal ihre Schwester Gabi nach und lacht, während wir uns erst mal nur zu den Gebäuden der Stuga hinaufkämpfen. (Das hatte die nämlich irgendwann am Telefon zu Claudia gesagt, bevor wir von Deutschland aus nach Schweden aufgebrochen waren.)
Wenn die wüßte..!“ vollendet Claudia.

Oben sehe ich dann – etwas hinter den Gebäuden zurückgesetzt – einen Wegweiser und steuere ihn direkt an. Der Schilderbaum zeigt uns, dass wir nun – nach 30 Kilometer Unterbrechung und einem Bootstransfer über den Suorvajaure, wieder auf dem Kungsleden stehen. Und hier beginnt nun auch der Zweite von insgesamt fünf Abschnitten. Ein Ausstieg aus dem Königspfad wird nun erst wieder an der STF-Fjäll-Station Kvikkjokk möglich sein – nach etwa 73 Kilometern!

Noch ein Tipp: In der STF-Station Saltoluokta sollte man eigentlich auch weiterhin mit Kreditkarten bezahlen können, da diese STF-Station an ein Stromnetz angeschlossen ist! Dann kann man sich auch Bargeld auszahlen lassen! (Wir konnten das aber leider nicht selbst ausprobieren, da hier – aufgrund des Midsommar-Festes – einfach zu viel los war!)

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Vom Schilderbaum aus werden wir zuerst nur in leichtem Anstieg, später dann jedoch immer steiler aufwärts geführt. Dem entsprechend schnell ändert sich nun auch wieder die Vegetation: Mischwald, Birkenwald, niedere Birkenbüsche, Heidelbeer-Sträucher und zuletzt wieder nur noch Tundra, mit niederen Moosen und Flechten. Das Höhendiagramm zeigt uns zudem eindrucksvoll, wie wir innerhalb von nur vier Kilometern von 380m n. N., auf etwa 730 Meter n. N. hinauf geführt werden!
IMG_3301Nicht nur wir müssen dabei dann immer wieder anhalten, um zu verschnaufen. Auch ein junges, französisches Pärchen kämpft sich tapfer den steilen Pfad hinauf. Sie sind jedoch deutlich leichter und ohne große Rucksäcke unterwegs, also wohl nur Tages-Ausflügler.

Bereits anderthalb Stunden später wandern wir dann schon wieder ganz oben durch das Kahlfjäll. Hier gibt es nun nur noch ganz niederen Bewuchs. Ein paar ganz niedere Büsche sind noch zu finden, ansonsten nur noch Moose und Flechten.
Und war Claudia gerade vorhin unten am See noch im T-Shirt unterwegs gewesen, müssen wir hier oben bereits wieder unsere Jacken anziehen, weil ein richtig frischer Wind über die freie Hochfläche weht. Kurz darauf hole ich mir dann sogar noch meine Fleece-Mütze und die dünnen Fleece-Handschuhe aus dem Rucksack, weil mir einfach kalt ist.
P1070439Trotzdem müssen wir viel trinken, weil wir (durch die schweren Rucksäcke) fast ständig schwitzen. Inzwischen hat sich das bei uns so eingependelt, dass wir stets zwei Flaschen mit Trinkwasser mit uns führen: Eine bei Claudia, und eine an meinem Rucksack!
Als Kavalier sorge ich natürlich dafür, dass wir immer zuerst Claudias Flasche leere, damit ihr Rucksack wieder leichter wird. So haben wir meine volle Flasche dann fast immer noch in Reserve und leiden daher auch nie Durst. Allerdings habe ich nun auch fast immer noch ein zusätzliches Kilo Gewicht am Rucksack.
Das ist jedoch nicht so tragisch, denn man gewöhnt sich doch relativ schnell daran. Und gerade hier oben im Kahlfjäll, sind die Bäche und Flüsse ja nicht ganz so häufig, wie weiter unten. Also lieber etwas mehr tragen, als irgendwann Durst leiden müssen!

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Die heutige Etappe erweist sich als überraschend anstrengend. Dafür ist das lebhafte Auf und Ab verantwortlich, das den Weg hier oben auszeichnet. Immer wieder geht es mal fünf Meter hoch, nur um etwas später dann wieder zehn Meter runter zu gehen. Und das Ganze dann natürlich stets auf besten Sand-, und Schotter-Pfaden – die jederzeit unsere volle Aufmerksamkeit erfordern!

Bald ist mir dann wieder so warm, dass ich Handschuhe und Mütze wieder im Rucksack verpacke!

IMG_3305Eine persönliche Anmerkung: Es sein an dieser Stelle einmal ausdrücklich erwähnt, dass uns der Kungsleden während der ersten Woche wirklich an jedem Tag auf’s Neue gefordert hat! Und er brachte uns (und unsere Ausrüstung) auch mit jeden Tag noch näher an die Grenzen heran – manchmal sogar ein wenig darüber hinaus..! (Und das blieb dann auch für die restlichen Wandertage unserer Kungsleden-Tour so!)
Überwiegend war dafür das ausgesprochen schlechte Wetter verantwortlich, denn von insgesamt 23 Wandertagen, hatten wir nur an ganzen 6 Tagen keinen Regen! Und jeder, der den Kungsleden einmal gewandert ist weiß: Wenn es auf dem Weg an einem Tag auch nur für kurze Zeit regnet, dann sind unterwegs wieder alle Birken und Weiden auf Stunden hinaus trief-nass! Daher ist es einem dann beim ständigen Vorbei-Streifen irgendwann auch schon fast sch…-egal, ob es jetzt noch weiterregnet, oder nicht..!

P1070443Irgendwann machen wir dann eine längere Pause und sind da bereits völlig geschafft. Nachdem ich meinen Rucksack abgelegt und auch Claudia noch ihren Rucksack abgenommen habe, lasse ich mich nur noch auf einen Felsen fallen und trinke Claudias Wasserflasche fast auf „ex“ leer! Dafür reiche ich ihr dann eben Meine!
Von unserem Rastplatz aus können wir aber sehen, dass sich das Kahlfjäll nun ganz langsam wieder etwas absenkt, und irgendwann sollte jetzt eigentlich auch der lang ersehnte Abstieg kommen. Auch heute müssen wir nämlich wieder hinunter, ins Tal. Direkt am See Kaskajaure liegt unser heutiges Etappenziel, und dort wollen wir uns ein schönes Zeltplätzchen für die Nacht suchen. Gleich morgen früh steht dort dann eine weitere Ruder-Strecke an.

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Dann erreichen wir ein kurzes Flußbett, das auch Michael Henneman in seinem Kungsleden-Führer beschreibt. Und zu unserer Überraschung müssen wir darin sogar ein großes Schneefeld überwinden. Dass sich das hier oben so lange halten konnte zeigt uns, wie sehr hier kalte, bergabfließende Luft aus den Bergen durch ein entsprechendes Gelände kanalisiert wird! Denn der Schattenwurf alleine hätte sein Abschmelzen wohl kaum so lange aufhalten können.
IMG_3309Direkt von der nächsten Anhöhe aus können wir dann auch schon hinunter sehen, zum See Kaskajaure. Und wir sehen auch, wie unser Weg unmittelbar vor uns wieder die Baumgrenze erreicht.

Es wird nun auch langsam wieder Zeit, dass wir endlich unser Tagesziel erreichen, denn auch heute ist es schon wieder 20.30 Uhr.
Während wir zwischen Fjällbirken abwärts streben, mache ich mir ein paar Gedanken über unser Tempo, und rechne dazu auch ein wenig: So langsam wie auf dem Kungsleden waren wir bisher nämlich noch nie unterwegs gewesen! Teilweise erreichen wir ja noch nicht einmal ganze 2,0 Stundenkilometer! (Im Gesamtschnitt!)
Dafür ist natürlich auch der Kungsleden selbst verantwortlich, denn er hat schon eine sehr anspruchsvolle Wegführung, die man mit einem „Westweg“ im Schwarzwald, oder auch mit einem „Vogesenkamm-Weg“ überhaupt nicht vergleichen kann. Wenn es hier nämlich nass wird, dann wird es immer wieder richtig gefährlich. Und dem entsprechend langsam geht man dann eben auch!

Während ich noch sinniere, fliegen mir bereits wieder erste Moskitos am Kopf vorbei. Jetzt schon, frage ich mich? Das kann ja heiter werden! Noch haben wir vielleicht gerade mal die Hälfte des Abstieges, hinunter zum See geschafft! Wie mag es da dann wohl erst ganz unten aussehen, direkt am Wasser? Mir schwant jetzt schon Übles!

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Die restliche Strecke Abstieg schaffen wir in einer knappen Stunde und erreichen dann die Sitojaurestuga kurz vor Zehn. Der Stugwart ist da wohl bereits im Bett, denn es kümmert sich niemand um uns, als wir zum Bootsanlege-Steg hinunter gehen.
Und wie sollte es anders sein: Natürlich ist auch hier wieder nur ein einziges Boot auf unsere Seite, so dass ich mich etwas gefrustet nach einem Zeltplatz umsehe. (Das bedeutet für morgen nämlich, dass ich die ganze Strecke wieder dreimal rudern darf, um drüben ein Boot für andere Wanderer zu holen, die nach uns hier ankommen!)

P1070444Direkt auf der kleinen Wiese, neben einem halb verfallenen Schuppen, bauen wir dann unser Zelt auf. Und auch heute machen wir das wieder wie vorgestern und sprühen einfach etwas Autan direkt auf den Reißverschluss des Innenzeltes. Dann huscht Claudia hinein, während ich ihr durch einen Spalt alles hineinreiche, was wir aus den Rucksäcken noch für die Nacht und das Frühstück brauchen.

Sie macht nun wieder die „Betten“, während ich noch schnell zum Bootsanleger gehe, um uns für die Nacht mit 4 Liter Wasser zu versorgen. Und dann könnte ich plötzlich jubeln: Draußen auf dem See sehe ich nämlich ein kleines Ruderboot, das direkten Kurs auf unseren Bootsteg hat! Dort kommt gerade unser Boot für morgen, damit wir die Strecke (immerhin 4,0 Kilometer!) nun doch nicht dreimal rudern müssen!

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Nun warte ich natürlich noch, bis die Zwei (ein schweizer Pärchen) das Ufer erreichen haben und helfe ihnen, „mein“ Boot zu vertäuen. Dann unterhalten wir uns noch kurz, bevor auch sie vor den Moskitos das Weite suchen. Ich habe ihnen empfohlen, doch besser noch über die Baumgrenze aufzusteigen, weil sie dort dann vor den Moskitos ihre Ruhe hätten. Das wollten sie tun..!

Zusammenfassung der 7. Etappe: 22,4 Kilometer mit 727 Höhenmeter im Anstieg, und 528 Höhenmeter im Abstieg. Dauer: 11 1/4 Std.

Wer gerne noch mehr über den Kungsleden erfahren will, oder ihn gar wandern möchte, dem empfehlen wir unbedingt den umfangreichen Führer Schweden: Kungsleden von Michael Hennemann. Er war unterwegs stets unsere „Bibel“!

Schweden: Kungsleden*

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Kungsleden, 6. Etappe: Kaitumjaure-Hütten – VakkotavareKungsleden, 8. Etappe: Sitojaure – Aktsestugorna

4 Kommentare »

  • Jörg Rapp sagt:

    Bei diesen Bildern, vor allem bei eurer völlig logistikgerechten (Super-) Ausstattung, auch mit den Moskitoschleier-Hauben, jedoch ohne Imker-Mundstück für die räuchernde Tabakspfeife, assoziierte ich den Titel eines Hill-Spencer-Films: „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle.“ – Na ja, ganz so schlimm ist es nicht, aber der Kungsleden oder überhaupt das Wandern im nordischen Fjäll ist etwas total Verrücktes, mit unseren mittleren Breiten kaum Vergleichbares. – Jedenfalls stimmt es jetzt auch mit den täglich erwanderten Höhenunterschieden, in Metern – und nicht in Feet. – Ihr Zwei seid einsame Spitze !!!

  • Rainer (author) sagt:

    Hallo Jörg,
    herzlichen Dank für das Lob! Ja, das Wandern nördlich des Polarkreises ist schon etwas ganz besonderes und wir sind froh, es nun einmal erlebt zu haben! Ob wir es nochmal machen würden? Frage doch in ein paar Monaten noch mal an – dann aber ganz bestimmt!
    Liebe Güße,
    Rainer und Claudia

  • manu sagt:

    …und ganz nebenbei ist dieses besondere Datum auch der Geburtstag eures sohnes 😉 da habt ihr sicherlich doch ein ganz kleines bisschen mitgefeiert,…

  • Rainer (author) sagt:

    Aber ja doch..! 😉

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