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Kungsleden, 21. Etappe: Aigertstuga – Servestuga

9 August 2013 3 Kommentare
 Dieser Artikel ist Teil 21 von 24 in der Serie Mitternachtssonne über dem Kungsleden

P1070622Als der Garmin piepst, stehe ich leise auf und ziehe mich an. Dann greife ich nach dem original Sami-Knife, das mir Claudia in Ammarnäs als Andenken an den Kungsleden geschenkt hat, und husche hinaus. Heute ist Claudias Geburtstag und ich brauche unbedingt einen kleinen Birkenzweig, als Tisch-Dekoration fürs Frühstück.

IMG_3804Endlich scheint mal wieder die Sonne! Ich husche kurz am Toilettenhäuschen vorbei, dann schneide ich einen kleinen Birkenzweig und pflücke auch noch ein paar Butterblumen. Schon gestern habe ich mir bei der Gattin des Stugwarts einen kleinen Kerzenständer besorgt. Wieder im Haus, mache ich im Wohnraum zuerst mal Feuer, denn es ist empfindlich kalt. Das funktioniert mit trockenem Birkenholz wunderbar: Man nimmt einfach 2 – 3 kleinere Scheite, zieht von einem anderen die Rinde ab und benutzt diese als Papier!

IMG_3805Kurz darauf knackt dann auch schon das Feuer im Ofen und verbreitet im Wohnraum Wärme und Behaglichkeit. Dann stelle ich Kaffee-Wasser auf und decke den Tisch. Erst als ich fertig bin, wecke ich Claudia, immer darauf bedacht Tanja nicht zu stören, die oben schläft.

Kurz darauf sitzen wir dann nur zu zweit im Wohnraum der Aigertstuga und genießen ein karges Geburtstags-Frühstück. Claudia freut sich trotzdem, weil ich sie mit der Kerze und der kleinen Tischdekoration überrascht habe.
Wenig später gesellt sich auch Tanja zu uns. Die junge Berlinerin wird heute nur noch die restlichen sieben Kilometer bis nach Ammarnäs wandern und dort ihre Tour beenden. Die 78 Kilometer Wildnis aber von Hemavan, bis nach Ammarnäs bewältigt zu haben, sind für ein Großstadt-Kind – ohne jegliche Trekking-Erfahrung – eine beachtliche Leistung. Zumal bei diesen Wetterbedingungen – Hut ab, Tanja..!

IMG_3811Nach dem Frühstück bringe ich noch schnell die Kerze zurück und hole die Abrechnung der Stuga, damir wir sie von zu Hause aus überweisen können. Inclusive Sauna-Benutzung kostet uns die Übernachtung in der Aigertstuga 860 SEK/ 99,01 Euro, was sich so nun vielleicht wieder etwas viel anhört. Aber gestern im Regen, war sie uns wirklich jeden Cent wert!
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Dann packen wir unsere Siebensachen. Ich hole noch schnell einen Eimer Frischwasser für die Küche und möchte auch noch etwas Holz auffüllen, aber der Stugwart winkt ab. Er wird sich nachher selbst darum kümmern. Kurz darauf ziehen wir los und Tanja schießt noch ein schnelles Abschiedsfoto, vor dem Haus.

Nun geht es erst mal über eine lange und schweißtreibende Steigungsstrecke hinauf zum Aigert-Pass. Fünf Kilometer und knappe dreihundert Höhenmeter sind bis dorthin zu bewältigen, bevor es dann – nach einer kleinen Senke und anderthalb weiteren Kilometern – gleich zu einem zweiten Pass hinauf geht. Dort befindet sich auch eine kleine Schutzhütte, in der wir zu rasten gedenken.

Etwa fünfzehn Minuten vor uns sind zwei Damen gestartet, die im Nebengebäude übernachtet haben. Claudia hat mich schon ganz entgeistert angeschaut, als die vor der Hütte an uns vorbei gegangen sind. Beide wohl gut in den 60ern, legen sie – nur im T-Shirt(!) – ein ordentliches Tempo vor. Anmerkung: Die Außentemperatur lag an diesem Morgen deutlich unter (+)10°C und es wehte ein kalter Wind!

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Wir folgen ihnen in gehörigem Abstand, haben sie im Aufstieg jedoch ständig vor Augen. Erst als sie anhalten, um ihre Jacken anzuziehen, können wir etwas Distanz zu ihnen abbauen.
Du Weich-Ei..!„, unterhalte ich dann irgendwann mit mir selbst. „Kommst noch nicht einmal diesen Mädels hinterher..!“ Dabei sind die deutlich älter wie wir und schleppen zudem auch noch so einiges an Übergewicht mit sich herum.
IMG_3820Dann sind sie plötzlich ganz weg – einfach nicht mehr zu sehen! Etwa zehn Minuten später passieren wir sie dann aber ganz überraschend, während sie im Windschatten eines Felsens vespern.
Ein freundliches: „Hej, hej..!„, dann sind wir auch schon vorbei. Für Small-Talk fehlt einem hier im Aufstieg einfach die Luft!

Nur noch ein paar Minuten, dann schwenkt der Weg etwas weiter oben endlich nach rechts, bleibt aber unverändert steil. Er folgt hier nun einem Hochtal weiter aufwärts und führt uns dann ganz unvermittelt aus dem Lee des Passes heraus.
Upps..!„, meint Claudia nur, als sie mitten im Schritt vom Wind zurückgeworfen wird, und den gleichen Schritt nun erneut ansetzen muss. Dann zieht sie die Kapuze über den Kopf, als zusätzlichen Schutz gegen den kalten Wind.

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Ich habe bereits einen großen Felsen im Visier, als Windfang für eine kurze Rast. Viel Schutz gibt es hier oben sonst nämlich nicht und der lange Aufstieg hat uns doch wieder einiges an „Körnern“ gekostet.
Claudia ist spontan einverstanden, und ich nehme ihr den schweren Rucksack ab, damit sie ihn hinter dem Felsen als Sitzkissen benutzen kann.
IMG_3823Natürlich ist es nur eine kurze Rast, da man sich hier oben nicht wirklich erholen kann. Trotz atmungsaktiver Wäsche und den Texapore-Jacken, sind wir inzwischen ziemlich verschwitzt und kühlen nun im kalten Wind natürlich rasch aus. Also nur kurz die Beine etwas erholen lassen und Flüssigkeit ergänzen. Dann geht es auch schon wieder weiter!
Zuvor holen wir aber beide erst noch unsere Fleece-Handschuhe aus dem Rucksack.
Tagesziel ist auch heute wieder die Servestuga, die wir ja eigentlich schon gestern im Visier hatten. Allerdings sind es nun von der Aigertstuga nur noch 19 Kilometer, bis dorthin. Also ein ganz normales Tagespensum, das uns keinen besonderen Respekt mehr abnötigt. Und auch von dieser Strecke haben wir inzwischen ja schon wieder ein ordenliches Stück abgeknabbert.
IMG_3826Zudem ist hier oben nun auch die Landschaft wieder völlig neu für uns, und entsprechend abwechslungsreich. Und das Wetter? Nun ja, es ist windig und kalt, zudem ziemlich bewölkt – aber immerhin trocken! Sollte es so bleiben, dann wären wir schon völlig zufrieden (man wird ja bescheiden!).

Heute morgen haben wir ganz bewusst auf die Ponchos verzichtet und uns für die Texapore-Jacken und die Raincover über den Rucksäcken entschieden. Die Regenhosen haben wir natürlich ebenfalls an, lassen die Beinreißverschlüsse jedoch offen.
So haben wir im Anstieg zum Pass nicht nur ein übermäßiges Schwitzen vermieden, dieser Wetterschutz-Variante bietet zudem auch dem Wind deutlich weniger Widerstand! Und inzwischen müssen wir uns teilweise schon kräftig gegen die Böen stemmen, was natürlich zusätzliche Kraft kostet!

Dann erreichen wir endlich den zweiten Pass und sehen auch schon die dortige Schutzhütte mit dem obligatorischen Klo-Häuschen. Hier können wir nun auch eine etwas längere, weil windgeschützte Rast einlegen.

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Wir ziehen in die Hütte ein und nehmen drinnen erst mal die schweren Rucksäcke von den Schultern. Auch diese Hütte ist wieder so ausgelegt, dass man ohne weiteres einige Tage in ihr Schutz finden könnte. Die dafür erforderliche Verpflegung muss natürlich jeder selbst am Mann haben!
Claudia hat diesbezüglich eigentlich nie Probleme: Kaum sitzt sie auf dem Hintern, hat sie auch schon wieder einen Schokoriegel aus ihren unergründlichen Taschen hervor gezaubert. Weiß der Teufel, wie sie das macht..!

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Nachdem wir uns etwas erholt haben, dränge ich auch schon wieder zum Aufbruch. Noch immer sind es nämlich gute 12 Kilometer, bis zu unserem Etappenziel! Hinzu kommen auch noch ordentlich Höhenmeter, sowohl im An-, als auch im Abstieg.
Direkt vor der Hütte geht es schon gleich mal wieder steil hinunter. 170 Höhenmeter müssen wir hier „vernichten“, bevor es dann auf der anderen Talseite gleich wieder gute 130 Höhenmeter hinauf geht! Trotzdem können wir diesen Abschnitt aber richtig genießen, denn er bietet uns eine wirklich phantastische Aussicht. Und man mag es kaum glauben: Plötzlich kommt die Sonne heraus! Und da sieht dann natürlich alles gleich noch einmal viel freundlicher aus.

P1070623Dieser Abstieg hat es dann auch wirklich wieder mal so richtig in sich und nicht nur Claudia tun die Knie weh, als wir endlich unten ankommen. Daher gönnen wir uns auch dort nochmal eine kurze Verschnauf-Pause. Ein paarmal mussten wir unterwegs auch größere Sumpfwiesen überwinden, die durchgetrockneten, gut eingefetteten Stiefel stecken das aber wieder locker weg!

IMG_3838Dann machen wir uns an den Aufstieg, hinauf zum Berg Vuometjakke. Das Wissen, dass es bis zum höchsten Punkt der Etappe nur noch dreieinhalb Kilometer sind, scheint uns zu beflügeleln. Schon nach relativ kurzer Zeit passieren wir die zweite Rasthütte, etwas abseits des Weges und Claudia beginnt prompt zu träumen:
Die liegt ja super.., und auch noch direkt am Fluß..!
Dem habe ich nichts hinzu zu fügen. Hier würde ich es mit ihr bestimmt auch mal für eine Nacht aushalten!
Unser Weg folgt nun ebenfalls dem Fluß, der links durch das breite Tal herunter kommt. Und da ich unseren Weg an seinem jenseitigen Ufer bereits weiter führen sehe, ohne dass ich eine Brücke ausmachen kann, werden wir wohl wieder einmal „waten“ müssen, vermute ich. Dann haben wir aber doch Glück, und können uns das Ausziehen der Schuhe schenken – wir kommen nämlich auch so (von Stein zu Stein) hinüber.

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Kurz darauf bunkern wir noch einmal etwas Wasser, für den restlichen Weg und erreichen dann endlich den Punkt, von dem aus es für uns nur noch abwärts geht.
Whow..!“ rutscht Claudia da heraus und ich bin ebenfall völlig überrascht von dieser phantastischen Aussicht. Vor uns liegt ein liebliches Flußtal mit grünen Wiesen und Wald. Und da wir uns im Augenblick ja immer noch oben, im Kahlfjäll – also weit oberhalb der Baumgrenze befinden, ist das wieder einmal ein unglaublicher Gegensatz.

IMG_3843Nun gilt es erneut, noch einmal dreihundert Höhenmeter abzubauen. Aber das tun wir gerne weil wir wissen, dass dort unten die Servestuga auf uns wartet. Und inzwischen steht für uns auch fest, dass wir für die restlichen drei Übernachtungen ebenfalls Stugas in Anspruch nehmen werden. So können wir uns auf das reine Durchkommen konzentrieren, ohne uns dabei den Kopf auch noch über den jeweiligen Schlafplatz zerbrechen zu müssen: In den zwei weiteren Tagen bis nach Hemavan sind von uns also noch volle 52 Kilometer „runter zu reißen“!

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Kurz bevor wir unten sind, falle ich dann vor lauter Überraschung fast hin, denn mitten auf dem Kungleden blüht ein wunderschöner Frühlingsenzian! Um ein Haar wäre ich auf ihn getreten und leiste nun dafür etwas Ab-Bitte, indem ich vor ihm knie, um ihn zu fotografieren.
IMG_3853Dann überqueren wir die letzte Hängebrücke über einen phantastischen Wasserfall, bevor wir uns drüben links halten, um die letzten 1,7 Kilometer bis zur Servestuga anzugehen. Die gingen sich nun eigentlich fast von selbst, müssten wir nicht bald wieder nach dem Mygga-Stick greifen, um der unzähligen Moskitos Herr zu werden. In ganzen Scharen erwarten sie uns hier unten, zwischen den Bäumen!

Kurz darauf erreichen wir aber schon die Hütte und stellen fest, dass wir die einzigen Gäste sind. Peter, der Stugwart, sieht die Situation ebenfalls locker: Wir sollen uns einfach aussuchen, wo wir schlafen wollen. Dann legt er uns noch einen Block mit Bleistift hin und erklärt, dass er den (gut sortierten!) Shop für uns durchgehend offen lassen wird. Wir sollen uns einfach bedienen und alles aufschreiben, abrechnen könnten wir dann ja morgen früh! (Wir hatten ihn zuvor natürlich ebenfalls über unsere Bargeld-Situation informiert! Aber das war auch hier kein Problem.)

IMG_3854Claudia ergreift diese Gelegenheit natürlich gleich beim Schopf und gönnt sich zu ihrem Geburtstag mal einen Topf Käse-Nudeln. Und auch hier lassen wir den Tag dann anschließend wieder ganz gemütlich (und gut beschützt vor den Moskitos!) ausklingen.!

Zusammenfassung 21. Etappe: 19,1 kilometer, 497 höhenmeter im Anstieg, 551 Höhenmeter im Abstieg – Dauer: 9,0 Std.

Wenn Du gerne noch mehr über den Kungsleden erfahren möchtest, dann empfehlen wir Dir unbedingt den kleinen Reiseführer von Michael Hennemann:

Schweden: Kungsleden*

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Kungsleden, 20. Etappe: STF-Fjällstation Ammarnäs – AigertstugaKungsleden, 22. Etappe: Servestuga – Syterstuga

3 Kommentare »

  • manu sagt:

    so, dank viel geblubber um mich rum, hat es leider etwas länger gedauert!! toller bericht – happy birthday mum, hab viel an dich gedacht!!!
    zwei fragen habe ich: kann man da an jeder stuga abbrechen?? wie ist dann das wegkommen dort?? und geht denn bei den Rucksäcken nichts kaputt, wenn ihr da immer draufsitzt?? habt ja doch einiges dabei!!

    macht weiter so ihr zwei!!

    grüße, manu

  • Rainer (author) sagt:

    Hi Manu,

    nein – Abbrechen ist unterwegs immer nur an den großen STF-Fjällstationen möglich! Nur die sind an ein öffentliches Verkehrsnetz angeschlossen: Also Abisko, Vakkotavare, Kvikkjokk, Jäkkvik, Ammarnäs, Adolfström und Hemavan. Abisko und Hemavan sind jedoch Start-, und Zielort des Kungsleden, die must Du unterwegs also abziehen! Somit bleiben auf 440 Kilometer nur noch 5 Orte, an denen Du aus dem Kungsleden aussteigen kannst! (Sonst nur im Notfall halt per Hubschrauber!)
    Nein, an den Rucksäcken geht nichts kaputt, musst halt „Richtige“ kaufen!

    LG, Dadl

  • manu sagt:

    wow da muss man aber echt wissen, worauf man sich einlässt!! aber ihr wisst ja immer genau was ihr tut!! ich meinte übrigens eher den Inhalt der rucksäcke ;-)) aber ich denke es ist die selbe antwort…

    ich wünsche euch einn schönes we – Zwerg krabbelt grad, muss bissl aufpassen…

    drück euch, manu

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