Home » Allgemein

Kungsleden, 18. Etappe: Sjnultje – Rävfallsstuga

6 August 2013 4 Kommentare
 Dieser Artikel ist Teil 18 von 24 in der Serie Mitternachtssonne über dem Kungsleden

IMG_3707Gut, dass wir in der Schutzhütte übernachten, denn als wir gerade schlafen gehen wollen, zieht ein schweres Gewitter mit Stark-Regen und Orkanböen herauf! Das Unwetter bleibt lange über dem Hochmoor stehen und läßt irgendwann Blitz und Donner fast ohne Zeitverzögerung folgen. Da kuschelt sich dann auch Claudia im Schlafsack an mich..!

IMG_3695Irgendwann sind wir dann aber doch eingeschlafen, denn als der Garmin piepst bin ich ganz weit weg.
Aufstehen.., Kaffee machen..!“ brummt Claudia leise, ohne die Augen zu öffnen. Aber da bin ich schon aus dem Schlafsack und öffne das Innenzelt. Ich will wissen, was das Wetter macht.
Draußen ist immer noch alles grau in Grau, stelle ich fest. Aber es scheint sich doch tatsächlich wieder beruhigt zu haben, nach dieser Gewitternacht. Allerdings sehe ich überall Wasser stehen.

Dann mache ich Kaffee und nötige Claudia aus dem Schlafsack. Wir haben den Wecker heute extra früher gestellt, weil wir eine stramme 25 Kilometer-Etappe vor uns haben.
Hoffentlich müssen wir heute keinen Fluß durchwaten..!„, sage ich zwischen zwei Bissen zu Claudia. „Die dürften nach dieser Nacht nämlich bestimmt gut Wasser führen..!
Vorsichtshalber nehme ich mir auch nochmal den Kungsleden-Führer von Michael Hennemann zu dieser Etappe vor, finde aber auch dort keinen Hinweis darauf. Dann creme ich unsere Stiefel noch einmal dick ein, bevor ich zum Aufbruch dränge.
IMG_3696Die Aufgaben sind beim Packen inzwischen verteilt und jeder weiß, was er zu tun hat. Zum Schluß bauen wir noch das Innenzelt ab (Es kommt in die Außentaschen am Rucksack!) und rücken den Tisch wieder in die Mitte, dann machen wir uns abmarschbereit.

Ein letzter Blick vor die Türe läßt uns aber endgültig die Regenhosen mit den Ponchos anziehen, es fängt nämlich gerade wieder an zu regnen.
So ein Sauwetter..!„, schimpft Claudia dann auch ungehalten. „Womit haben wir das eigentlich verdient..?
Als wir vor die Türe unserer Hütte treten, ist es gerade mal acht Uhr. Aber nur ein einziger Blick nach oben lässt mich da schon die SWR4-Kappe gleich noch mal etwas tiefer ins Gesicht ziehen: Der Regen wird nämlich stärker!
Mit diesen kawasaki-grünen Basketball-Mützen läuft man zwar Gefahr, irgendwann Augenkrebs zu bekommen, dafür sind aber unsere Brillen unter ihrem großen, breiten Schild wunderbar vor Regen geschützt. Daher tragen wir sie meist auch unter der Kapuze des Ponchos! (Ein gutes Beispiel dafür, dass sinnvolle Ausrüstung nicht zwangsläufig auch immer teuer sein muss!)

IMG_3698Zuerst müssen wir nun wieder das kurze Stück zurück, zum Kungsleden (Die Schutzhütte liegt etwas abseits, am Winterweg!). Dann halten wir uns am Wegweiser rechts.
Heute geht es erst mal für etwa zehn Kilometer eben dahin, dann folgt ein Aufstieg von knapp zweihundert Höhenmetern, hinauf ins Björkfjäll. Ungefähr für siebeneinhalb Kilometer werden wir dort oben, immer auf über 900 Meter n.N. bleiben, bevor wir wieder knackige 500 Höhenmeter hinunter geführt werden, zum Fluß Vindelälven. Dort liegt dann die Rävfallstuga, unser heutiges Etappenziel.

Im Augenblick befinden wir uns noch im Bereich der Baumgrenze, auf etwa 700m Höhe. Vielleicht auch knapp drüber. So kommen wir wenigstens darum herum, ständig an den nassen Birken vorbeistreifen zu müssen. Auf die werden wir erst ganz zum Schluss wieder, beim Abstieg wieder treffen! Und wer weiß, vielleicht haben wir ja Glück und kommen heute sogar mit trockenen Schuhen über die Distanz? Die sind gut eingefettet und im Kahlfjäll stehen die Chancen dafür eigentlich gut!

IMG_3699Zuerst kommen wir ganz gut voran und können unsere Schuhe auf überwiegend festen Wegen schonen. Auch die wenigen Bäume bleiben bald völlig zurück, als der Pfad sanft ansteigt. Bald gibt es um uns herum dann nur noch die üblichen, niederen Bodendecker der Tundra.
Obwohl wir uns hier auf etwa 700 Metern Höhe befinden, haben wir aber eher das Gefühl, uns in einem weiten Tal zu bewegen.

IMG_3702Da hier oben wieder, weder ein Baum, noch ein Busch unsere Sicht begrenzen, sehen wir auch unseren Wegverlauf wieder sehr weit voraus. In diesem Bereich dienen erneut flache Steinplatten als Wegmarkierung. Senkrecht, beiderseits des Weges aufgestellt, sind sie mit ihren roten Spitzen dann ewig weit zu sehen!
Aber nicht nur der Regen, auch der Wind nimmt inzwischen kontinuierlich zu. Beides kommt stetig von rechts, trifft also immer auf die gleiche Seite unseres Regenschutzes.

Unter solchen Bedingungen bewähren sich unsere neuen Ponchos in Verbindung mit den Regenhosen recht gut. Wir tragen sie sogar ohne Regenjacke darunter, nur mit dem Fleece-Puli. Und wenn auch noch ein leichter Wind weht, dann hält sich auch das Schwitzen unter ihnen in Grenzen.

IMG_3703In diesem Bereich passieren wir nun wieder einige Seen, die durch das Unwetter der letzen Nacht natürlich sehr viel Wasser aufgenommen haben. Und auch die kleinen Bächlein, die sie untereinander verbinden, sind sichtlich angeschwollen. Bis jetzt bereiten sie uns jedoch noch keine Probleme. Noch immer wandern wir auf festen Pfaden durch eine ziemlich trieste Tundra-Landschaft.
Das möchte ich hier aber gleich relativieren: Für den „triesten“ Eindruck sorgt hier mal wieder nur das eintönige grau in Grau des Wetters!

Dann ändert sich aber schlagartig alles: Obwohl wir die Wegmarkierungen, etwas weiter vor uns noch deutlich sehen können, hört der „Weg“ vor uns nämlich plötzlich auf! Wir stehen mal wieder vor einer großen Sumpffläche, die wir nicht umgehen können. Und wir sehen auch unzählige (tiefe!) Fußabdrücke in dieses Moor hineinführen.
Aber auch hier bilden diese Abdrücke nun natürlich keinen (einzelnen) „Trampelpfad“ mehr, dem man vielleicht hätte folgen könnte, sondern fächern sich vollständig auf: Hier sucht sich natürlich jeder seinen eigenen Weg!

IMG_3704So bin ich dann mit meiner Entscheidung auch ganz alleine: Wohin nur..? Claudia steht unmittelbar hinter mir und zuckt ebenfalls mit den Schultern. Dass nur wenige Meter entfernt eine Markierung des Winterwanderweges steht, hilft nun auch nicht weiter, denn die markiert ja nur bei Schnee und Frost einen sicheren Weg über dieses Gelände!
IMG_3705Es hilft nichts, wir müssen halt einfach mal wieder hindurch – die erste Bewährungsprobe für unsere (frisch eingecremten!) Schuhe. Und die halten dann auch, denn wir haben auf der anderen Seite immer noch trockene Füße.

Ganz langsam wäre es auch an der Zeit, für eine kurze Rast! Schon seit anderthalb Stunden tragen wir nun nämlich unsere schweren Rucksäcke wieder durch die Tundra, ohne eine Chance zu bekommen, sie mal kurz abstellen. Aber wer möchte sich denn hier schon irgendwo in den Regen setzen?

Und der nimmt immer noch weiter zu, je näher wir den Bergen kommen. Inzwischen prasselt es doch schon ziemlich ordentlich, von rechts auf die Kapuze!
Dann beginnt endlich der Anstieg, hinauf in die Berge. Wir haben also bereits 7,5 Kilometer unserer Tagesstrecke bewältigt.
Steil führt hier nun ein ausgetretener Pfad rechts hinauf, und aus dem Lee heraus! Der Wind trifft mich urplötzlich wie ein Hammer und der Poncho knattert wie verrückt! Gleichzeitig prasselt der Regen so laut auf meine Kapuze, dass es mir fast weh tut! Klar, dass da auch mein Tinnitus sofort jubiliert und mit einem lauten Pfeifkonzert in dieses Orchester einfällt!
Dann nimmt der Wind aber doch wieder etwas ab. Es war also wohl nur eine heftige Böe gewesen, in die ich hineingelaufen bin!

IMG_3708Trotzdem ist das Fotografieren hier inzwischen absolut unmöglich geworden. Aus diesem Grund gibt es nun für die restlichen Kilometer leider auch keine weiteren Fotos mehr!
Der restliche Tag ist aus meiner Sicht aber auch rasch erzählt: Wir werden da oben so „eingeseift“, dass wir irgendwann nur noch ganz apathisch vor uns hinstapfen. Der starke Regen fliegt dabei die ganze Zeit, absolut waagerecht von rechts heran und lullt uns dann irgendwann auch völlig ein. Den Blick wegen der Brillen immer fest auf dem Boden gerichtet, und mit den Gedanken möglichst ganz weit weg, stapfen wir mehrere Stunden lang über das freie Plateau des Björkfjälls.
Dann geht es aber irgendwann wieder abwärts, was uns auch sofort in die Realität zurück holt. Abwärts heißt nämlich: Es geht nun endlich in Richtung Stuga!

Irgendwann erreichen wir dann wieder die Baumgrenze und ertragen hier nun auch noch stoisch das Abstreifen des Wassers, von unzähligen Birken: Was soll’s? Unsere Schuhe sind ja ohnehin schon längst durch!
Dann endlich, ein Wegweiser – bis zur Rävfallstuga sind es nur noch zwei Kilometer!
Ein breiter Fahrweg führt im Wald zur Hütte. Der Weg steht jedoch über weite Strecken völlig unter Wasser und wäre mit einem normalen Pkw gar nicht mehr zu passieren. Auch ein Zelt hätte man hier nirgendwo mehr aufbauen können, denn der Waldboden selbst ist ebenfalls so voll mit Wasser, wie ein Schwamm! Ohne die avisierte Hütte wären wir hier nun also absolut aufgeschmissen!
Irgendwann wird aus dem Waldweg dann auch noch ein breiter, knöchel-tiefer Fluß, der uns genau entgegen fließt. Inzwischen ist mir aber auch das egal, denn noch nasser können meine Stiefel (innen!) ja nicht mehr werden. Ich mache daher gar nicht mehr den Versuch, dem Wasser auszuweichen.

P1070604Dann erreichen wir endlich die Hütte und ich sehe dort einen jungen Mann auf der trockenen Veranda sitzen, und rauchen. Er sieht uns nicht kommen und erschreckt daher heftig, als ich den ersten Schritt auf die Holzstufen setze:
Hej-hej..!“ begrüße ich ihn höflich. „Is it possible, to get a small, dry place, inside the Stuga..?
Er springt auf, schmeißt die Zigarette weg und eilt sofort Claudia entgegen, um ihr den Rucksack abzunehmen.
Sure.., of course..! Please, come in..!
Dann ruft er etwas auf schwedisch ins Haus hinein.

Wir nehmen noch im Vorraum die Rucksäcke ab und ziehen Regenhosen, Ponchos, Schuhe und Strümpfe aus. Dann betreten wir barfuß den Wohnraum. Dort begrüßt uns ein zweiter Schwede, der bereits am Feuermachen ist, damit wir unsere nassen Klamotten trocknen können.

IMG_3710
Die beiden erzählen uns nebenher, dass sie hier in der Nähe beim Angeln waren und gezeltet haben, als sie ebenfalls vom Unwetter der letzten Nacht überrascht worden sind. So haben sie hier ebenfalls Schutz gesucht.

Claudia und ich sind völlig fertig! Wir hängen unsere nasse Sachen in den Trockenraum und sind dann aber doch etwas erstaunt, weil nur Schuhe, Strüpfe, Regenhose und Poncho nass sind. Alles was wir darunter getragen haben, (z. B. Hose und Fleece-Pulli) ist völlig trocken geblieben – aber natürlich verschwitzt.
IMG_3711Wir waschen uns daher erst mal ausgiebig, dann richte ich unser Nachtlager am Boden des Wohnraumes her und bereite uns wieder ein Süppchen zu. Danach sitzen wir noch lange mit den beiden, freundlichen Schweden zusammen und trinken von unserem feinen Tee..!

Eine ganz persönliche Anmerkung: So freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend haben wir in unserem Urlaub (Mit sehr, sehr wenigen Ausnahmen!) alle Schweden kennengelernt! Und wir lernten hier nun auch den Hintergrund eines Emergency-Rooms kennen und schätzen! Und dass man hier auch noch Brennholz zur Verfügung hat und sogar mit Gas kochen kann, sollte keine Selbstverständlichkeit sein. Herzlichen Dank dafür..!

Zusammenfassung 18. Etappe: 27,4 Kilometer, 402 höhenmeter im Anstieg, 658 Höhenmeter im Abstieg – Dauer: 11,5 Std.

Wenn Du gerne noch mehr über den Kungsleden erfahren möchtest, dann empfehlen wir Dir unbedingt den kleinen Reiseführer von Michael Hennemann:

Schweden: Kungsleden*

Achtung: * Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon – wenn Du etwas darüber bestellst, dann erhalten wir eine kleine Provision. Auf diese Weise ist es Dir möglich, Rainer & Claudia zu unterstützen, ohne dass es Dich etwas kostet!

Download GPS-Track[urldisplaymode=nomap]

HD-Kungsleden-18


Größere Kartenansicht


Kungsleden, 17. Etappe: Adolfsström – SjnultjeKungsleden, 19. Etappe: Rävfallsstuga – STF-Fjällstation Ammarnäs

4 Kommentare »

  • manu sagt:

    ja, so mies das wetter auch ist, so nett sind die schweden dafür. 😉
    schade mit dem wetter – allerdings könnt ihr so, geschwollener brust sagen, ihr habt es trotzdem geschafft!!

    bin stolz auf euch

  • Rainer (author) sagt:

    Du machst uns verlegen, Manu! 🙂

  • Toni sagt:

    Hallo zusammen!

    In meinem Führer steht, dass man sich den Schlüssel für die Hütte in Adolfsström oder in Ammarnas organisieren muss. Könnt Ihr mir dazu Auskunft geben?

    Liebe Grüße
    Toni

  • Rainer (author) sagt:

    Hallo Toni,

    das ist richtig, aber der Emergency-Room ist immer offen und hat zwei Betten! (Siehe Bilder!)
    LG, Rainer

Schreibe doch einen Kommentar!

Schreibe hier einen Kommentar, oder Trackback von Deiner eigenen Website. Du kannst auch diese Kommentare als RSS-Feed abonnieren.

Du kannst folgende Tags verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Auf dieser Seite können Gravatars verwendet werden. Um deinen eigenen Gravatar zu bekommen, registriere Dich auf Gravatar.