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Kungsleden, 13. Etappe: Tjieggelvas – Jakkakaskajarro

1 August 2013 3 Kommentare
 Dieser Artikel ist Teil 13 von 24 in der Serie Mitternachtssonne über dem Kungsleden

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Als der Garmin piepst, wissen wir bereits beide, wie draußen das Wetter ist. Keiner konnte das Prasseln des Regens auf dem Außenzelt überhören, das nun schon die halbe Nacht anhält. Und das ausgerechnet heute, wo wir erneut wieder ausgedehnte Moorflächen überwinden müssen. Aber auch zwei knackige Anstiege mit über 600 Höhenmetern warten auf uns.

IMG_3488Ich muss erst mal raus und habe es danach ziemlich eilig, wieder ins trockene Zelt zu kommen: „Ekelhafter Niesel-Regen und Wind..!„, beantworte ich Claudias fragenden Blick, als ich den Zeltreißverschluss wieder ganz zugezogen habe. Dann mache ich uns Kaffee, dazu wie immer Schüttelbrot und Philadelphia-Käse.
Das (bewusst herbeigeführte) Miss-Verhältnis zwischen Energie-Zufuhr und Energie-Verbrauch zeigt bereits deutlich Wirkung, denn an meiner Fjällräven Barents-Pro muss ich den Gürtel inzwischen schon fast täglich etwas enger machen! Dabei leiden wir aber nie Hunger, denn wenn der Körper etwas anfordert (Hunger), dann bekommt er es auch! Meistens sind wir abends aber schon so kaputt, dass wir gar nicht mehr viel essen möchten. Unsere Maggi Asia-Snacks genügen völlig! Dafür trinken wir dazu dann aber immer Unmengen von leicht gesüßten Tee. Obwohl wir auch tagsüber reichlich trinken, verlangt der Körper gerade abends noch einmal sehr viel Flüssigkeit!

IMG_3489Während wir frühstücken hört das Prasseln auf dem Zeltstoff aber plötzlich auf und als ich kurz darauf vorsichtig hinausschaue, hat der Regen doch tatsächlich aufgehört. Trotzdem ist draußen noch alles grau in Grau. Aber was noch schlimmer wiegt: Die ganzen Birkenblätter sind nun wieder voll mit Regenwasser. Wir werden es also auch heute wohl wieder literweise von ihnen abstreifen!
Wir packen ziemlich lustlos zusammen und natürlich kommt auch das Außenzelt wieder einmal nass in die Zusatztasche, außen am Rucksack. Kurz nach Neun starte ich die Trackaufzeichnung des Garmin, dann brechen wir auf.

Wir wandern auf dem Pfad von gestern weiter, der hier immer dem Ufer des Tjieggelvas folgt und durch überraschend lichten Wald führt. So können wir den nassen Birken erst mal ausweichen. Dann kündigt sich mit kräftigem Rauschen ein Gebirgsbach an und Claudia, die inzwischen vor mir geht, betritt die Brücke, die sie über den ersten, der geteilten Wasserläufe führt.
IMG_3492Noch bevor Claudia das Malheuer überhaupt registriert, bleibe ich mitten auf der Brücke stehen und hole tief Luft: Die zweite Brücke, die einst über den nächsten Wasserarm führte, fehlt nämlich! Offensichtlich wurde sie irgendwann von den Schmelzwassern eines Frühjahrs weggerissen, denn ihre Armierungen sind an den Felsen noch vorhanden.
Claudia hat das immer noch nicht gesehen, bemerkte aber wohl, dass ich stehen geblieben bin.
Was ist los..?„, fragt sie ahnungslos.
Die zweite Brücke fehlt..!„, erwidere ich.
Welche Brücke..?„, will sie wissen und wendet sich wieder nach vorne. Dann macht sie plötzlich ein paar hastige Schritte vorwärts und erstarrt.
Sch…e..!„, höre ich nun ganz deutlich, und es klang auch richtig entsetzt.

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Mit ein paar wenigen Schritten hole ich sie ein, dann stehen wir erst mal nur wortlos nebeneinander. Das ist hier nun nicht einfach nur ein Fluss, an dessen Ufer man Schuhe und Strümpfe auszieht und dann mit seinen Crocks locker hindurch watet. Das hier ist vielmehr ein richtiger Gebirgsbach, der an einer Stelle sogar richtig tief ist. Und aufgrund der starken Regenfälle in der letzten Nacht, ist die Strömung dort auch ziemlich stark, wie ich sehe.
Als einziges Hilfsmittel liegt nur ein dünner Birkenstamm über dem Wasser, ein trügerisches Geländer.

IMG_3493Ich nehme erst mal den Rucksack ab, um mich besser bewegen zu können und sehe mir die Sache dann genauer an. Dort, wo wir ins Wasser müssen, steht noch ein Eisen der alten Brücke aus dem Felsen, an dem wir uns gut festhalten können. Dann im Wasser angekommen, müssen wir dieses aber gleich loslassen, um den ersten Schritt machen zu können. Wir stehen dort also in oberschenkel-tiefem, reißendem Wasser, nur mit diesem dünnen Birkenstämmchen als „Halt“ – whow..!
Aber es hilft ja nichts, wir müssen hindurch. Claudia sieht mir erstmal nur etwas entsetzt zu, wie ich meine Hose ausziehe und dann, nur im Slip, den Rucksack wieder auf den Rücken nehme und mir meine Stiefel um den Hals hänge. Dann verspreche ich ihr, dass ich gleich wieder zurück kommen werde, um auch ihren Rucksack und ihre Stiefel zu holen. So kann sie das Hinderniss dann ohne zusätzlichen Balast meistern, was immer noch Anforderung genug sein sollte!

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Nachdem ich den Weg insgesamt dreimal gemacht habe, locke ich Claudia dann ebenfalls zu mir herüber. Etwas ängstlich lässt sie sich am Felsen hinunter und steht dann ziemlich verkrampft im tiefen Gumpen. Nur langsam gewinnt sie Vertrauen in ihren Stand und folgt dann meiner Aufforderung, den Griff loszulassen, und langsam auf mich zuzugehen. Und als sie schon der zweite Schritt wieder so weit nach oben führt, dass ihr das Wasser nicht einmal mehr bis zu den Knien reicht, geht sie tapfer weiter und steht kurz darauf neben mir. Stolz wie Oskar fällt sie mir um den Hals und fragt dann völlig ungläubig:
Habe ich das gerade wirklich getan..?

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Wir ziehen gut gelaunt weiter und erreichen dann nach nur wenigen Höhenmetern auch schon das erste Moor. Hier ist nun natürlich ebenfalls alles vollgesogen und bis zum Anschlag vom Regen der letzten Nacht gesättigt.
Bohlenwege..? Fehlanzeige..!
Kungsleden..? Ebenfalls Fehlanzeige, hier gibt es jetzt nämlich noch nicht einmal mehr einen Weg! Nur an vereinzelten Birken sieht man noch rote Pinselstriche, was auf der weißen Rinde – Gott sei Dank – weithin sichtbar ist.
IMG_3499Bald sinken wir bei jedem Schritt immer sofort bis zu den Schuhbändel in die weiche, mit Wasser vollgesogene Moordecke ein und sind daher bemüht, nie lange stehen zu bleiben. Das funktioniert aber nicht immer, da man sich ja auch mal orientieren muss. Dabei sinkt man dann ganz zwangsläufig immer tiefer ein.

Und das Moor scheint hier sogar immer noch tiefer zu werden, denn wir gehen teilweise schon durch richtige, kleine Wasserflächen, aus denen nur noch Grasbüschel ragen. Und natürlich Fjällbirken. Aber obwohl die immer wieder eindeutige, rote Ringe tragen, verlieren wir doch ganz langsam das Vertrauen in diese „Wegführung“!
Ich habe überhaupt kein gutes Gefühl mehr, als dieses Moor dann aber urplötzlich ein Ende hat und vor uns ein fester Pfad weiterführt. Ja, der Kungsleden ist immer wieder für Überraschungen gut..!

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Nun beginnt der Anstieg, auf den wir bereits gewartet haben. Und wir freuen uns auch wieder auf das Kahlfjäll, denn hier unten im Moor sind die Moskitos wirklich penetrant: Dank Mygga stechen sie zwar nicht, aber ich habe inzwischen schon mehrfach wieder welche eingeatmet, wenn ich mal kurzatmig war. Daher greife ich irgendwann auch zum Mückenschleier – danach habe ich Ruhe!

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Bald erreichen wir die Baumgrenze und verlassen damit auch das Moorgebiet. Hier oben scheint es noch nicht einmal geregnet zu haben, stellen wir fest, oder der Wind hat die Landschaft bereits wieder abgetrocknet. Sowohl der Boden, als auch der niedere Tundra-Bewuchs sind hier oben absolut trocken.
Da nun keine Bäume mehr die Sicht begrenzen, genießen wir beim Aufstieg zum Jakkakaskajarro auch wieder eine Phantastische Aussicht. Und da wir seit unserem Aufbruch heute Morgen noch keine größere Rast gemacht haben (Wo hätten wir uns denn auch hinsetzen sollen?), holen wir das nun hier oben nach!

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Wunderschön weich im dicken Moos-, und Flechtenteppich der Tundra sitzend, schauen wir eine ganze Weile zurück, zum See Tjieggelvas und unserem Zeltplatz. Dann nehmen wir uns den zweiten Anstieg vor, der uns nun ganz hinaufführen wird, zum „Gipfel“ des Jakkakaskajarro, auf guten 1.000 Meter.
Hier oben bläst nun auch wieder ein kühler, sehr konstanter Wind, der uns beim Aufstieg aber recht gut tut, weil er das Gesicht von Schweiß trocken hält.

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Hier oben kämpfen wir nun einmal mehr mit der Weite. Schon auf mehrere Kilometer Distanz sind die senkrecht stehen Felsplatten zu erkennen, die den Verlauf des Kungsleden markieren. Und auch hier oben scheinen diese fernen Wegmarkierungen nun nicht wirklich näher zu kommen, was natürlich nur ein Trugschluss, ein kleiner Selbstbetrug ist.
IMG_3516Realität bleibt aber: Der Weg führt nun über acht Kilometer kontinuierlich bergauf. Erst dann werden wir auf der anderen Seite – vielleicht – ins Tal sehen können. Und da sich die für uns „einsehbare“ Landschaft nun während dieser ganzen Zeit kaum verändert, wird das Gehen dadurch schon etwas eintönig und monoton.

Abhilfe schaffen da dann ein paar, schon fast wie wilkürlich in die Landschaft hineingestreute Gitter-Roste, die uns über ein paar Hindernisse helfen. Und obwohl sie teilweise doch ziemlich verwegen aussehen, sind sie doch alle fest in den Felsen verankert – also keine Angst! (Bild oben rechts..!)

P1070527Kurz nach Vier überschreiten wir dann endlich diese Kuppe und beschließen spontan, uns hier oben einen Zeltplatz zu suchen. Der könnte zwar vielleicht etwas windig werden, dafür ist er aber auf jeden Fall frei von Moskitos, denn so weit oben gibt es die Viecher nicht mehr! Und auf die etwas tieferen „Nacht“-Temperatur brauchen wir ja auch keine Rücksicht nehmen, da wir unsere Ajungilak-Winter Schlafsäcke dabei haben. Und deren Wohlfühltemperatur wird hier oben ganz bestimmt nicht ausgereizt werden. (Zumindest nicht jetzt, Ende Juni!)

Ein kuschelliges Plätzchen – eben, weich und frei von Steinen – ist schnell gefunden und das Zelt bauen wir inzwischen in nur wenigen Minuten auf. Dann verschwindet Claudia auch schon darin, zum „Bettenmachen“ – Aufgaben-Teilung!
Unser noch von der letzten Nacht völlig nasses Außenzelt, trocknet hier im Wind bereits rekordverdächtig schnell! Als ich nämlich mit den vier Wasserflaschen vom Bach zurückkomme, ist es schon fast völlig trocken!

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Dann ziehe ich ebenfalls meine Stiefel aus und leiste Claudia im Zelt Gesellschaft, wo wir auch diesen Abend wieder harmonisch ausklingen lassen: Waschen, Tee und Süppchen kochen und essen. Dann cremt uns Claudia noch die geschundenen Füße ein – wie jeden Abend..!

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Zusammenfassung, 13. Etappe: 15,3 Kilometer, 634 Höhenmeter im Anstieg, 132 Höhenmeter im Abstieg – Dauer: 8,5 Std.

Wenn Du gerne noch mehr über den Kungsleden erfahren möchtest, dann empfehlen wir Dir unbedingt den kleinen Reiseführer von Michael Hennemann:

Schweden: Kungsleden*

Achtung: * Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon – wenn Du etwas darüber bestellst, dann erhalten wir eine kleine Provision. Auf diese Weise ist es Dir möglich, Rainer & Claudia zu unterstützen, ohne dass es Dich etwas kostet!

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Kungsleden, 12. Etappe: Tsielekjakka -Tjieggelvas (Zelt)Kungsleden, 14. Etappe: Jakkakaskajarro – Hof Vuonatjviken

3 Kommentare »

  • Rahel sagt:

    Hallo liebe Claudia und lieber Rainer,

    vielen herzlichen Dank für eure tollen, überaus interesanten und ausgewogenen(sowohl positives wie negatives) Berichte! Das Herzblut für das Wandern spürt man in jeder Silbe und sieht man auf jedem Bild. 🙂

    Weiter so!

    Viele Grüße
    Rahel

  • Rainer (author) sagt:

    Hallo Rahel,
    herzlichen Dank für Deinen tollen Kommentar! Schön, Fans wie Dich zu haben, denen unsere Berichte so viel zu geben vermögen! Bitte bleibe uns erhalten!
    Mit herzlichen Grüßen aus dem Hochschwarzwald,
    Rainer und Claudia

  • manu sagt:

    ich habe einen plan für den nächsten regen-wandermarathon: wickelt eure schuhe einfach mit frischhaltefolie ein ;-p

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