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Kungsleden, 12. Etappe: Tsielekjakka -Tjieggelvas (Zelt)

31 Juli 2013 Ein Kommentar
 Dieser Artikel ist Teil 12 von 24 in der Serie Mitternachtssonne über dem Kungsleden

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Im weichen Moos-, und Flechten-Teppich der Tundra haben wir toll geschlafen! Irgendwann hat dann wohl der Wind etwas gedreht, so dass unser Zelt schon seit geraumer Zeit leise flattert. Das ist aber ein recht angenehmes, ja fast einschläferndes Geräusch. Und als der Garmin piepst scheint bereits wieder die Sonne. Es könnte also auch heute wieder ein toller Wandertag werden..!

IMG_3440Mann.., habe ich super geschlafen..!„, schmunzelt Claudia gut gelaunt, als sie sich mit kleinen Augen im Schlafsack aufrichtet. Dann winkt sie grob in Richtung der Schutzhütte und ruft laut: „Herzlichen Dank, Ihr lieben Finnen..!
Ich grinse und reiche ihr die warme Fleece-Jacke, denn im Zelt ist es recht frisch, da wir seit einiger Zeit genau im Wind liegen.
Macht nix..!„, meint Claudia nur dazu und kuschelt sich dann für einen Moment an mich. Da ist bereits das Kaffee-Wasser heiß, und wir frühstücken.

Heute steht erneut eine Kahlfjäll-Etappe an. Zuerst geht es dazu nochmal 150 Höhenmeter hoch, danach dann aber gleich wieder 450 hinunter. Und „gleich“ meint: Das Ganze über zwanzig Kilometer verteilt..!

IMG_3441Nach dem Frühstück packen wir in aller Ruhe zusammen und schlagen das Zelt ab. Als wir fast fertig sind, hören wir das freundliche „Hej-hej..!“ eines Wanderers, der gerade vom Tsielekjakka herauf kommt. Der Ausrüstung nach ist er ebenfalls Deutscher (die Wanderer anderer Nationalität tragen weder Jack Wolfskin-Jacken, noch haben sie Deuter-Rucksäcke auf dem Rücken), daher anrwortet Claudia auch gleich auf Deutsch:
Hej-hej..! Wo kommst Du denn so früh schon her..?
Der Wanderer grinst: „Ich bin erst spät in der Nacht an die Tsielekjakk-Schutzhütte gekommen und wollte dort eigentlich schlafen. Die war jedoch völlig mit Utensillien belegt, ohne dass jemand drinnen war. Nur unglaublich viele Mücken!
Unmittelbar daneben war aber ein Zweimann-Zelt aufgebaut. Da bin ich dann einfach noch etwas weitergegangen und habe ebenfalls hier oben am Berg geschlafen, oberhalb der Mücken..!

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Claudia und ich sehen uns nur kurz an und erzählen ihm dann die Geschichte von gestern. Der Franke lacht und mutmaßt dann:
Die sind in der Hütte heute Nacht bestimmt von den Moskitos gefressen worden und haben sich dann irgendwann in ihr Zelt geflüchtet..!
Tjaahhh.., kleine Sünden bestraft der liebe Gott eben immer sofort..!„, schmunzelt Claudia laut, ohne ihre Schadenfreude auch nur im Ansatz zu verbergen. Dann verabschieden wir uns von ihm mit einem fröhlichen:
Bis später..!
IMG_3448Erfahrungsgemäß trifft man sich auf einer Mehrtages-Strecke nämlich immer mehrfach wieder, da man unterschiedlich schnell geht, Rast macht, oder übernachtet. Die Chance, ihn im Laufe des Tages also erneut zu treffen, ist sehr groß..!

Gerade als wir aufbrechen wollen, nähern sich dann jedoch auch die beiden Finnen mit zügigem Schritt. Er hält neben uns an und güßt, etwas außer Atem:
Hej-hej.., good Morning! This night, we learned the first Kungsleden-Lesson: Don’t sleep in a cabin near the Water..!
And would you please tell me, why not..?„, gebe ich den völlig Ahnungslosen.
There are millions and millions of Moskitos inside, coming out when you sleep..!

IMG_3450Oh my goodness..!„, höre ich da Claudia von hinten (völlig gekünstelt) ausrufen und muss mir fest auf die Zunge beißen, um nicht sofort laut loszulachen..!
Dann ziehen sie auch schon wieder weiter und ich kann mich kaum zurückhalten, bis sie endlich außer Hörweite sind:
Oh – my – goodness..!„, pruste ich dann los und bekomme fast keine Luft mehr, vor Lachen! Diesen Ausruf hat Claudia nämlich von Jean auf Teneriffa gelernt, einer lieben, alten Engländerin, die stets very Brittish war!

Mann, sind wir böse..!„, stellt Claudia dann irgendwann fest und ich nicke nur. „Yeep..!

Danach starte ich die Trackaufzeichnung des Garmin und wir ziehen endgültig los. Nun steigen wir den Pfad immer weiter in Richtung Hochebene auf, was uns schon bald einen phantastischen Blick zurück gewährt. Nur nach vorne ist die Sicht noch begrenzt, bis wir die Kuppe erreichen. Kurz darauf können wir dann auch dort weit hinunter sehen, in die Ebene vor uns (Siehe Titelbild, ganz oben!).

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Kurz davor treffen wir aber schon unseren Franken wieder. Im weichen Gras in der Sonne liegend, hat er ein Buch in der Hand und liest. Schön, wenn man keinen Zeitdruck hat..!
Hej-hej.., tolle Hose hast Du da an..!„, feixt Claudia, als wir ihn passieren und erntet dafür ein Lächeln. Er trägt nämlich ebenfalls die Fjäll Räven – Barents Pro (G – 1000), die auch wir anhaben.
Und das ist schon komisch: Ohne die würden wir hier auf dem Kungsleden wohl richtig auffallen, denn bisher haben wir noch keinen Wanderer getroffen, der eine andere getragen hätte!
Anmerkung: Das haben wir vorher natürlich nicht gewußt! Aber im Nachhinein war die Entscheidung, sie für den Kungsleden auszuwählen absolut richtig gewesen! Sie ist (auch ohne ihre spezielle Möglichkeit, sie noch zusätzlich zu wachsen!) robust, schmutzabweisend und steckte unterwegs so einiges weg!)

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Der folgende Abstieg erstreckt sich nun über knappe sechs Kilometer und Claudia ist davon natürlich „begeistert“! Das tut ihr in den geschundenen Knien nämlich wieder so richtig weh! Aber es hilft ja nichts, wir müssen durch. Dafür streichelt sie ihre Seele dann mit kleinen Belohnungen, wie z. B. dem hübschen Wollgras, das hier in ganzen Wiesen blüht.

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Leider ist das Gelände aber wieder so sumpfig, dass ich die schönsten Plätze mit der Kamera gar nicht erreichen kann. Dafür komme ich aber sehr nahe an blühendes Knabenkraut heran und während ich mich dem mit der Kamera widme, fotografiert mich Claudia ihrerseits (oben). Gleich ganze Orchideen-Wiesen hat es hier, was ich am Polarkreis natürlich nicht erwartet hätte!

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Diese Blütenpracht hat uns so gefesselt, dass uns dabei völlig entgangen ist, wie wir die Ebene erreicht haben. Hier blüht und grünt nun natürlich wieder alles, und auch die Moskitos gedeihen in dieser Sumpflandschaft prächtig. Aber auch das kann uns inzwischen nicht mehr erschrecken, denn seit gestern haben wir ausreichend Mygga, (schwed. Mückenschutz-Mittel) um selbst den größten Schwärmen begegnen zu können.
P1070506Dabei gehen wir inzwischen so gelassen mit ihnen um, dass ich (meist gerade selbst von Stechmücken umkreist!) sogar über die Viecher schmunzeln muss. Die fliegen nämlich so unglaublich schlecht, dass sie kaum mit Claudia Schritt mithalten können, wenn die nur normal geht.
Dann hängt hinter ihr nämlich immer gleich eine ganze Moskito-Wolke – auf etwa zwei Meter Distanz. Und jedesmal, wenn sie stehen bleibt, holen die sie dann ein, stoßen nun aber auf die unsichtbare „Mygga-Barriere“, auf ihrer Haut. So sirren sie dann eben weiter um Claudias Kopf herum – völlig ohnmächtig zu landen, wohlbemerkt! Blöde Viecher..!

Wir sind gut gelaunt und erreichen so den Fálesjávrre. Auf dem dort entlang führenden Pfad finde ich dann aber etwas, das mir spontan Angst macht: Bärenspuren! Und diese sind über(!) den Spuren des nicht weit vor uns gehenden Franken, also noch ganz frisch!
IMG_3480Was mich an ihnen aber wirklich kribblig macht ist, daß es sehr kleine Spuren sind. Sie stammen zweifellos von einem Bären-Welpen! Wo aber ein Welpe ist, da ist meistens auch die Mama nicht weit. Und Bärenmütter sind – wenn es um ihre Jungen geht – als recht humorlos bekannt..!

Ich sehe mich nervös um, aber die Fjällbirken entlang des Flusses verhindern jeden Überblick. Und die Spur führt ausgerechnet auch noch in die Richtung, in die wir nun ebenfalls gehen müssen.
Was hast Du..?„, will Claudia irgendwann wissen, weil ihr meine plötzliche, innere Anspannung natürlich auffällt. Ich zeige ihr die Spuren und erkläre ihr, dass das wohl ein ganz junger Bär war.
Ein ganz Junger..? Ach Gott, ist das süß..!
Na klar! Was sonst könnte wohl Claudias Mutterinstinkt besser auslösen, als irgend ein Jungtier?
Wo ein junger Bär ist, da ist aber meistens auch die Mama nicht weit..!„, erkläre ich ihr und sie versteht sofort.
Oh sch…e..! Und jetzt..?„, flüstert sie, nun doch deutlich verängstigt..
Nicht leise sein! Gib der Bären-Mama einfach die Chance uns zu hören, damit sie uns rechtzeitig ausweichen kann..!„, antworte ich ihr übertrieben laut und mache mich dann wieder vorsichtig auf den Weg.

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Nun, wir sehen heute keine Bären mehr. Auch keine weiteren Spuren von ihnen – und das ist gut so! Aber dieses Elebnis hat uns auch einmal empfinden lassen, wie groß doch unser Respekt vor Braunbären ist! Denn alleine schon ihre Spuren zu sehen genügte völlig, um unsere Adrenalin-Ausschüttung in Regionen anschwellen zu lassen, die wir doch als sehr unangenehm zu empfinden..!

IMG_3484Kurz darauf erreichen wir dann die Hängebrücke, die uns über die rauschenden Wildwasser-Verbindung zwischen Fálesjávrre und Tjeggelvas führt. Und Claudia weiß wohl ebenfalls, dass Bären allgemein nicht über Hängebrücken gehen, denn so schnell hat sie bisher noch keine überwunden.

Und drüben kann dann auch ich fühlen, wie die innere Anspannung deutlich nachlässt. Allerdings tut sich nun gleich ein neues Problem auf: Vor uns liegt nämlich wieder tiefer, wegloser Sumpf, ohne jeden Bohlenweg! Nur schrittweise tasten wir uns voran und kommen daher auch kaum vorwärts. Claudia muss sich hinter mir sogar meistens schon wieder einen neuen Weg suchen, weil meiner – durch das Gewicht mit dem Rucksack – bereits „abgesoffen“ ist!
Irgendwann geht es dann aber doch wieder weiter und ein zunehmend trockener werdender Trampelpfad führt uns am Seeufer entlang, und direkt zu unserem Zeltplatz.

IMG_3487Dieser hübsche Platz ist uns bereits in Michael Hennemanns Kungsleden-Führer avisiert worden. Er hat Klo-Häuschen, Abfalltonne und eine Feuerstelle, und wäre eigentlich wunderschön, wären da nicht wieder tausende von Moskitos.
So bauen wir nur schnell unser Zelt auf und bringen uns dann in ihm in Sicherheit. Draußen waschen ist, trotz dem direkt zugänglichen Seeufers des Tjeggelvas, auch heute wieder, leider nicht möglich.
So hole ich uns am See halt nur vier Flaschen Wasser. Dann waschen wir uns eben im Zelt und lassen den Abend dort gemütlich auslaufen. Mit Tee, heißem Süppchen und der bereits üblichen, langen Nase für die doofen Moskitos..!

Zusammenfassung 12. Etappe: 20,5 Kilometer, 516 Höhenmeter im Anstieg, 795 Höhenmeter im Abstieg – Dauer: 10,5 Std.

Wenn Du gerne noch mehr über den Kungsleden erfahren möchtest, dann empfehlen wir Dir unbedingt den kleinen Reiseführer von Michael Hennemann:

Schweden: Kungsleden*

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Kungsleden, 11. Etappe: Kvikkjokk – Tsielekjakka (Zelt)Kungsleden, 13. Etappe: Tjieggelvas – Jakkakaskajarro

Ein Kommentar »

  • manu sagt:

    wow, super bericht!!! bin ein bisschen neidisch darauf, was ihr so alles erlebt habt. allerdings hätte ich glaub ich nicht den arsch in der hose mich dieser absoluten Abgeschiedenheit zu stellen. hut ab,…!

    grüße

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