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Kungsleden, 11. Etappe: Kvikkjokk – Tsielekjakka (Zelt)

30 Juli 2013 3 Kommentare

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Die nun folgenden Etappen sind die Stiefkinder des (nördlichen) Kungsleden. Von Kvikkjokk bis Jäkkvik (96 km) gibt es nämlich keine Unterkünfte, so dass man unterwegs auf ein Zelt zwingend angewiesen ist. Aus diesem Grund ist es auf diesem Abschnitt auch deutlich einsamer, da nur wenige Wanderer die (vermeintlich) größeren Strapazen auf sich nehmen. Wir hingegen freuen uns auf diesen Abschnitt..!

IMG_3399Als der Garmin piepst stehe ich auf und gehe sofort in den Trockenraum, um nach unseren Schuhen zu sehen: Die sind über Nacht doch tatsächlich völlig durchgetrocknet!
Mit beiden Paaren kehre ich zurück ins Zimmer, wo sich Claudia gerade aus dem Schlafsack schält. Dann mache ich uns Kaffee und creme nebenher die Stiefel dick mit speziellem Bienenwachs ein. Nach dem Frühstück wienere ich sie dann noch einmal ab und ziehe die Schuhbändel wieder ein – fertig..!

Da könnte man ja fast eifersüchtig werden, so wie Du Dich um die kümmerst..!„, schmunzelt Claudia. Aber sie ist natürlich froh, dass ich ihr diese Arbeit abnehme und nach 12 Jahren Bundeswehr habe ich mit dem Stiefelputzen wohl auch die größere Erfahrung!

IMG_3400Dann packen wir zusammen, denn auf 10.30 Uhr ist unser Boot bestellt, das uns die vier Kilometer hinüber, zum Startpunkt des Kungsleden auf der anderen Seite des Saggat bringen soll. 200 SEK / 23,27 Euro kostet der Transfer pro Person. Wir bezahlen für die Unterkunft 790 SEK / 91,19 Euro und holen an der Rezeption per Mastercard noch 1.000 SEK in Bar (115,43 Euro). Mehr geht aus der Kasse leider nicht und Geldautomaten gibt es hier natürlich keine. Das kostet uns aber ebenfalls noch mal die stolze Gebühr von 144,95 SEK / 16,73 Euro.
Naja, zumindest haben wir nun genügend Bargeld für das Boot, und auch für eine mögliche Stuga-Übernachtung in Reserve. Und zwei neue Mygga-Sticks haben wir uns ebenfalls noch besorgt, für 286 SEK / 33,01 Euro!

Dann ziehen wir die paar Meter hinunter, zum Boots-Steg am Saggat. Dort wartet schon ein finnisches Wanderer-Ehepaar, und kurz darauf gesellen sich auch noch unsere beiden Franzosen, Justine und  Péha zu uns. Sie sind erst spät in der Nacht angekommen und haben dann (einmal mehr triefnass!) einfach in der Lobby übernachtet. Sie beenden ihr Kungsleden-Abenteuer nun hier in Kvikkjokk und wollen zum Abschied noch eine Boots-Tour machen. (Also Ausdauer haben sie ja, das muss man ihnen lassen!)

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Dann kommt unser Kapitän mit dem Boot und hat es furchtbar eilig. Kaum ist das Gepäck verstaut, geht es auch schon los. Während er mit einer Hand kassiert, dreht er mit der anderen an der Pinne noch eine kipplige Sightseeing-Rund über den Zulauf des Kamajokk, der hier als mächtiges Wildwasser in den Saggat fließt. Danach geht es über viele, stille Seitenarme (ein Vogelparadies) zum gegenüberliegenden Ufer.

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Dort muss ich schmunzeln, denn an einem Baum hängt neben dem Schild „Kungsleden“ ein Briefkasten am Baum – sonst ist hier nichts..!
Der Kapitän drängt jedoch erneut zur Eile und kurz darauf stehen wir einsam am Ufer und winken Justine und Péha ein letztes Mal zu. Dann drehen wir uns ebenfalls um und folgen dem finnischen Ehepar.

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An der Schutzhütte nehmen dann aber auch wir das Gepäck noch einmal kurz ab und richten uns in aller Ruhe für diese Etappe. Nebenher erzählt uns der Finne, daß seine Frau 25 Kilo, und er sogar ganze 35 Kilo im Rucksack hat.
That’s no Problem..!„, meint er völlig gelassen. „We have all, we need outdoor..!
And a small Helicopter also, for rescue..?„, rutscht mir dummerweise über die Lippen, aber der Finne lacht nur.

IMG_3414Mit aufrichtiger Bewunderung beobachte ich dann, wie sie die Rucksäcke (jeweils alleine!) schultern und losziehen, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her.
Mann.., was sind wir doch nur für Weicheier..!“ sage ich anschließend erfürchtig zu Claudia, als sie außer Hörweite sind. Claudia hatte zu Beginn unserer Tour gerade mal 16,2 Kilo auf dem Rücken und ich 21,6 Kilo. Und das ist inzwischen schon wieder deutlich weniger geworden, da wir ja bereits Verpflegung und viele Batterien verbraucht haben.
Äh.., sorry..?„, meint Claudia aber nur. „Mit 25 Kilo auf dem Rücken kann Wandern eigentlich keinen Spaß mehr machen, und mit 35 erst Recht nicht..!“
Sie hat natürlich Recht, aber trotzdem nötigt mir diese Leistung Respekt ab. Das gilt jedoch leider nicht für den Charakter der Beiden, denn der Grund für ihre unglaubliche Pace waren wir. (Das sollten wir aber erst am Abend erfahren!)

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Wir überqueren einen Gebirgsbach, indem wir auf Crocks hindurchwaten und folgen drüben dann dem Pfad weiter, steil aufwärts. 450 Höhenmeter gilt es heute zu überwinden, bis wir den Fluss Tsieljakka erreichen. Der liegt wieder ziemlich weit oben, auf etwa 600m Höhe. Zuvor müssen wir aber erst mal ein Hochplateau überwinden, das sogar noch 150 Meter darüber liegt. Also werden wir wohl auch heute wieder durch ein Kahlfjäll wandern, denn die Baumgrenze verläuft hier oben, in Lappland, etwa auf 700m Höhe n. N.

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Irgendwann bin ich dann aber völlig überrascht, denn hier oben blüht sogar Knabenkraut. Diese Orchidee hätte ich hinter dem Polarkreis eigentlich nicht mehr erwartet, schon gar nicht so hoch oben! Und auch davon mache ich natürlich noch einige Fotos, bevor wir weiterziehen.

IMG_3427Dann können wir aber auch schon wieder die Regenhosen und Ponchos auspacken, denn urplötzlich setzt dieser ekelhafte, feine Nieselregen wieder ein. Aber heute scheint Petrus ein Einsehen zu haben, denn kurz darauf hört der auch schon wieder auf und – Gott sei Dank – bevor die Birken wieder richtig nass sind!

Dieses Fjäll – wir befinden uns nun inmitten der Baumgrenze – ist einfach atemberaubend schön. Eine helle, offene Tundra-Landschaft, mit nur wenigen, ganz niederen Bäumen. Hier könnte man stundenlang wandern, ohne sich satt zu sehen! Und man könnte sich auch genauso gut tot-fotografieren, wäre da nicht der schwere Rucksack auf dem Rücken und ein Tagesziel, das unbedingt erreicht werden muss!

IMG_3428Wir erreichen oben dann gerade so das baumlose Plateau, etwas oberhalb der Baumgrenze, da senkt sich die Landschaft vor uns auch schon wieder ab. Komischerweise bleiben die Bäume hier aber trotzdem zurück, denn obwohl wir nun wieder unter das Niveau der Baumgrenze absteigen, bewegen wir uns auch weiterhin im Kahlfjäll. Dafür blühen hier nun aber unzählige Blumen, überwiegend Trollblumen, was Claudia wieder in absolute Verzückung versetzt! Die liebt sie nämlich heiß und innig..!

Kurz darauf erkenne ich in der Ferne den Tsielekjakka, den Fluß an dem sich die Hütte befindet, in der wir heute gerne übernachten wollen.
Endspurt..!„, rufe ich Claudia zu. „Da vorne ist der Fluß..!
Schon gesehen..!„, antwortet sie fröhlich von hinten.

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Kurz darauf stehen wir dann vor der Hängebrücke, die hinüber führt, zur Schutzhütte. Dort sehen wir den Finnen bereits Holz machen, aber die Hütte ist ja schließlich für alle da, daher stört uns das nur wenig. Wir werden schon ein Plätzchen in ihr finden.

Werden wir aber doch nicht, wie uns die Finnin kurz darauf, sehr deutlich klar macht, als wir die Hütte betreten. Ihr: „We live hier..!“ ist unmissverständlich!
IMG_3436Ich bin so sprachlos ob dieser Unverfrorenheit, daß ich nur noch ein wütendes: „Okay.., enjoy it..!“ heraus bringe. Dann machen wir auf dem Absatz kehrt und ziehen erst mal ein paar Meter weiter. Dort dreht sich Claudia um und wischt verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.
Und was jetzt..?„, fragt sie mich.
Sie ist maßlos enttäuscht vom Verhalten dieser Finnin. Wäre es umgekehrt gewesen, dann wären wir ganz selbstverständlich zusammen gerückt und hätten so in der Hütte auch zu viert Platz gehabt!
Du darfst nicht immer von Dir auf andere schließen..!„, beruhige ich sie.

Die Finnen haben sich in der Hütte aber auch wirklich frech ausgebreitet. Sogar zwei Decken (wie wir sie beim Bund hatten!) lagen über den Betten ausgebreitet und eigentlich fehlten am Fenster nur noch die Vorhänge. Da waren Töpfe, Wasserkanne und auch sonst noch alle möglichen Gebrauchs-Gegenstände, in der ganzen Hütte verteilt. Hier wohnen keine Wanderer, denke ich mir spontan, sondern eher Trapper! Fallensteller..! Und man wollte uns auf diese Weise wohl auch unmissverständlich klar machen, dass hier schon besetzt ist!
Und der Finne selbst war unterdessen draußen am Holz sägen. Axt und Säge waren also ebenfalls noch im Rucksack gewesen. Langsam wird mir deren enormes Gewicht klar!

IMG_3437Obwohl ich ebenfalls vor Wut koche, beschließe ich, doch lieber weiter zu ziehen und dem Ärger aus dem Weg zu gehen. Und die Beiden haben eigentlich nur Glück, dass es draußen gerade nicht regnet, denn sonst wäre ich jetzt nämlich ebenfalls in diese Hütte eingezogen – so, oder so!
So ziehen wir aber erst mal weiter und suchen uns eben in der weichen Tundra ein lauschiges Plätzchen. (Was im Nachhinein unser Glück sein sollte, wie sich aber erst am nächsten Morgen herausstellte!)
Nur wenige Höhenmeter über dem Niveau der Hütte sind wir dann aber wieder mal diesem eiskalten, all-abendlichen Wind ausgesetzt. Er hat eben pünktlich eingesetzt, als wir die Hütte verlassen haben.
Heute kommt er uns aber mal direkt entgegen, was mich darauf hoffen lässt, dass wir etwas weiter oben und näher an den Bergen, in deren Lee kommen werden. Wir müssen aber auch noch Wasser finden, bevor wir übernachten können, erinnere ich Claudia.

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Kurz darauf haben wir dann aber auch schon Beides: Wir sind im Lee der Berge, haben unweit eine kleine Quelle und zudem auch noch ein wirklich lauschiges Zeltplätzchen, direkt neben dem Weg! Herz, was willst Du mehr? Da ist dann sogar Claudia schon wieder zufrieden..!

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Zusammenfassung 11. Etappe: 19,0 Kilometer, 754 Höhenmeter im Anstieg, 346 Höhenmeter im Abstieg – Dauer: 9,5 Std.

Wenn Du gerne noch mehr über den Kungsleden erfahren möchtest, dann empfehlen wir Dir unbedingt den kleinen Reiseführer von Michael Hennemann:

Schweden: Kungsleden*

Achtung: * Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon – wenn Du etwas darüber bestellst, dann erhalten wir eine kleine Provision. Auf diese Weise ist es Dir möglich, Rainer & Claudia zu unterstützen, ohne dass es Dich etwas kostet!


Download GPS-Track[urldisplaymode=nomap]

 

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Kungsleden, 10. Etappe: Partestuga – STF-Fjällstation KvikkjokkKungsleden, 12. Etappe: Tsielekjakka -Tjieggelvas (Zelt)

3 Kommentare »

  • Marcus sagt:

    Leute gibt’s 😕
    Aber gaaanz schön teuer iss es in Norwegen, Mann oh Mann

  • Rainer (author) sagt:

    Kleine Korrektur, Marcus: Der Kungsleden liegt in Schweden..! 😉

  • manu sagt:

    du bist ja gemein,… Wartest mit dem Lüften des Geheimnisses bis zum nächsten Bericht!! Na dann hopp hopp, weiter!! Neugierig bin!!

    Ich dachte allerdings eher, dass es ein unausgesprochenes Gesetz oder Ehrenkodex unter Wanderern zusammenzuhalten. Naja, schwarze Schafe gibt es eben leider doch überall… Wobei das im „Niemandsland“ echt asozial ist!! Respekt über Eure Ruhe, ich hätte das nicht runtergeschluckt…

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