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Kandelhöhenweg – 2. Etappe

20 Januar 2012 2 Kommentare
 Dieser Artikel ist Teil 2 von 8 in der Serie Kandelhöhenweg-Winterbegehung

Im Naturfreundehaus Kornebene haben wir wunderbar geschlafen. Um sieben Uhr stehen wir auf und packen die Rucksäcke, die über Nacht im Schankraum am Kachelofen zum trocknen hingen. Dann treffen wir uns mit Dagmar und Günter, den Hüttenwirten zum Frühstück. Es ist einfach, aber sehr gut und völlig ausreichend. 

19,8 Kilometer mit 625 Höhenmeter im Anstieg (Garmin)

Überhaupt verlangt der Körper auf derart anstrengenden Trekking-Touren deutlich weniger Nahrung und wer diesbezüglich mal etwas genauer in sich hinein hört wird rasch feststellen, dass der Körper nun plötzlich auf seine ganz eigene Art bemüht ist, Gewicht zu sparen: Er baut nämlich Körperfett ab! So habe ich zum Beispiel auf unserer Vogesen-Tour in nur 15 Tagen, volle 10 Kilogramm abgenommen. Und das ohne zu hungern, oder gar zu verzichten! Im Gegenteil, ich habe unterwegs noch nicht einmal an ein Abnehmen gedacht..!

Allerdings sind wir immer sehr darauf bedacht, ja genügend Flüssigkeit zu uns zu nehmen und auch heute bekamen wir unsere beiden Thermoskannen von Dagmar wieder mit heißem, süßen Tee gefüllt.
Einmal mehr ist das Wetter trüb und nass. Klar, dass wir gleich wieder die Raincover über die Rucksäcke ziehen. Und auch unsere normalen Winterwanderhosen von gestern, haben wir heute gegen die wasserdichten und deutlich wärmeren (Ski-)Tourenhosen – unsere zweitteuersten Kleidungsstücke überhaupt – getauscht. So ausgestattet treten wir dann vor das Wanderheim und verabschieden uns hier von Günter. Am Wegweiser orientieren wir uns noch einmal kurz, dann ziehen wir los..!

Heute ist nun der berühmte, zweite Tag und darüber haben wir ja gestern schon gesprochen: Der Körper bremst unsere Euphorie dann auch gleich von Anfang an mit einem ordentlichen Muskelkater. Und auch sonst ist im Organismus wohl noch einiges durcheinander, denn beide hatten wir heute morgen Durchfall. Aber wir sind ja bereits vorgewarnt und tragen dem auch Rechnung. Heute sind die Medis im Rucksack ganz obenauf, für alle Fälle..!

Über breite Wirtschaftswege führt der Weg nun immer weiter abwärts, in Richtung Gengenbach. Aber vom Kartenstudium her weiß ich, dass vorher auch irgendwann noch einmal ein ordentlicher Anstieg kommen wird, hinauf zum Katzenstein. Von den (geschätzten) 650 Metern Höhe des Naturfreundehauses, geht es so zuerst einmal gute 100 Höhenmeter hinunter, bevor uns dann noch einmal ein ordentlicher Anstieg hinauf führt, zum Katzenstein, einem Aussichtsfelsen (615m).

Am Pfaffeneck verlassen wir den breiten, noch weiter abwärts führenden Wirtschaftsweg dann und werden nun über schmale Waldpfade wieder aufwärts geführt. Der bereits erwartete Anstieg ist aber sehr kurzweilig und abwechslungsreich und recht angenehm zu gehen. Und auch heute fallen uns wieder die vielen Blätter von Esskastanien auf, die unsere Schritte auf dem Wanderpfad dämpfen. Claudia grinst irgendwann verschmitzt und ich kann ihren Gedankengang sofort aufgreifen:

„Ja, ich weiß..! Wir sollten unbedingt im Herbst noch einmal mit dem Spankörbchen wiederkommen..!“, schmunzle ich und Claudia lacht pompt los. Nach 35 Ehejahren kenne ich ihre Gedankengänge eben so gut, dass ich sie manchmal schon fast „hören“ kann…

Am Katzenstein angekommen, mahne ich Claudia etwas zur Vorsicht. Der Aussichtsfelsen ist nass und glitschig, und einen Unfall wollen wir natürlich vermeiden. Ich steige vor und lege oben auf der Bank meinen Rucksack und die Stöcke ab. Dann gehe ich ihr wieder entgegen und reiche ihr die Hand, um ihr ebenfalls hinauf zu helfen. So steht ihr Rucksack dann auch bald neben meinem und wir angeln uns die erste Teeflasche aus der Außentasche. Welch eine Wohltat, an so einem trüben und nasskalten Tag!

Nun geht es gleich wieder steil hinab und ich mache Claudia unterwegs auf die vielen Fichten-, und Tannenzweige aufmerksam, die auf dem Weg liegen. Es sind Zeugen von den Orkanen der letzten Woche, die auch hier wohl ordentlich gewütet haben. Immer wieder kommen wir auch mal an umgestürzten Bäumen vorbei.

Weiter unten treffen wir dann wieder auf den breiten Wirtschaftsweg, den wir am Pfaffeneck verlassen haben. Er führt uns nun gemütlich abwärts, in Richtung Gengenbach und bald können wir die Ausläufer des hübschen Städtchens auch im Dunst ausmachen.
Aber noch einmal geht es vorher kräftig hinauf: Ein schmaler Pfad führt uns nämlich nun vom breiten Weg weg, hoch zur Teufelskanzel. Und auch hier nehmen wir das Angebot einer Bank an und entledigen uns kurz der schweren Rucksäcke. Sie drücken heute, am „Tag zwei“, wirklich gewaltig! Daher erneut: Kurze Teepause..!

Der Leibhaftige höchst persönlich soll hier an der Teufelskanzel einst derart wütend auf den Felsen gestampft haben, dass man die Abdrücke seiner Hufe bis heute sehen soll. (Und ich dachte schon, die wären von Claudia..!) Aber meiner Seele kann nun eigentlich – trotz dieser Bemerkung – nicht viel passieren, denn wir wandeln hier ja gleichzeitig auch auf dem Jakobsweg!
Unter uns sehen wir die Häuser von Gengenbach schon recht nah, aber bevor wir dort hinunter kommen, geht es vorher – nach einem kurzen steilen Abstieg – noch einmal kräftig hinauf zur Jakobskapelle, unmittelbar vor den Toren der Stadt. (Wohl doch als Buse für meine flapsigen Bemerkungen..? Okay, ich gelobe Besserung!)

Beim nun folgenden Abstieg kommen uns viele Spaziergänger aus Gengenbach entgegen. Es ist schließlich Sonntag und das Wetter reißt auch gerade etwas auf. Viele von Ihnen lächeln aber so seltsam „wissend“ und grüßen uns fast zu freundlich. Gerade so, als ob sie uns erkannt hätten. Unser erstes Interview war von SWR4 am Samstag gesendet worden, also gestern.

„Man könnte bei einigen ja gerade meinen, sie hätten uns erkannt..!“, tuschelt mir Claudia gerade zu, als wir prompt von einem netten, älteren Ehepaar angehalten werden:
Tschuldigung, sin‘ Sie net die Winterwanderer us‘ em Radio..?
Wir lachen und geben uns zu erkennen. Und natürlich freuen wir uns auch darüber! Man nimmt also schon etwas Anteil an dem was wir tun, zeigt uns das. Und wir kommen dann auch gar nicht weit, bis wir erneut angehalten werden:

Dürfen wir vielleicht ein Foto von Ihnen machen..?“ Aber gerne doch!

Insgesammt 5 Mal werden wir angesprochen, bis wir die Kinzig überquert haben und Gengenbach im Süden wieder verlassen. Und irgendwann ruft uns dann noch ein Mann im Vorbeigehen zu:

Nur über die Straße und dann rechts..!“ Ich bin eigentlich nur kurz stehen geblieben, um etwas zu verschnaufen, den weiteren Wegverlauf hatte ich da schon gesehen. Aber woher weiß der eigentlich, wo wir hin wollen..?

Aber auch das ist natürlich ein ganz tolles Erlebnis für uns, wenn auch noch etwas ungewohnt!

Dann ziehen wir drüben aber wieder etwas einsamer den Berg hinauf, in Richtung zur Gutta-Hütte. Ein paar Mal werden wir nun auch noch von anderen Wanderern auf unser auffallend großes Gepäck angesprochen und wenn wir erwähnen, dass die Gutta-Hütte unser heutiges Tagesziel ist, heißt es immer:

Aaah, die Rotwiiih-Hütte..!

Dort gibt’s ä wirklich feiner Rotwiiih..!„, teilt man uns dann noch bereitwillig mit. Aber noch haben wir ein ordentliches Stück Weg vor uns, bevor wir das selbst testen können und Gengenbach hat uns länger aufgehalten, als geplant.
Bis 17.00 Uhr würde Herr Kiefer, der erste Vorsitzende des Schwarzwald-Vereins Gengenbach, in der Hütte auf uns warten, hat er versprochen und ein Blick auf Uhr und Karte zeigt uns: Das wird eng, sehr eng sogar..!

Noch einmal alle Reserven mobilisierend, ziehen wir nun über eine breite Wanderautobahnen aufwärts, hinauf zum Rebmesserstein (506m). Bald tut mir alles weh und mein Körper erinnert mich auf diese Weise wieder mal an den verflixten „zweiten Tag“! Und auch Claudia höre ich neben mir inzwischen leise stöhnen.

Langsam wird es dann immer düsterer und ich lasse sie auf dem letzten Kilometer davonziehen: Claudia hat ein paar Kilo weniger auf den Schultern und ihre Teeflasche ist ebenfalls schon leer. Daher ist sie nun auch etwas schneller und kann die Gutta-Hütte vielleicht doch noch bis um Fünf erreichen. Ich wohl kaum mehr!

Es ist schon fast völlig dunkel, als ich dann ebenfalls dort ankomme und mit Erleichterung noch Autos vor der Türe sehe. Wir haben es doch noch geschafft!
Als ich die Türe öffne, klingt mir von drinnen sofort ein vielstimmiges „Halloooh..!“ entgegen. „Tick-Tack„, ein Uhrmacher-Meister aus Gengenbach, mit dem wir schon gestern im Naturfreundehaus gefeiert haben, steht lachend an der Theke:
Ich hab mir gedacht, ich warne die hier mal lieber vor, damit sie wissen, was da für Vögel kommen..!„, schmunzelt er und prostet mir fröhlich zu.

Na denn..! Ich nehme den Rucksack ab und begrüße erst mal alle. Dann bitte ich um ein großes Apfelschorle und setze mich hin, um die Schuhe auszuziehen. Wie angenehm doch diese einfachen Crocks sein können, die wir auf den großen Touren immer dabei haben. Sie wiegen fast nichts und sind auch sonst fast unkaputtbar..!

Irgendwann bricht die illustre Gesellschaft dann auf und Herr Kiefer vom Schwarzwaldverein Gengenbach weist uns noch kurz in die Gutta-Hütte ein: Gas-Lampen, Gas-Kocher, WC und Waschgelegenheit, alles ist da! Der Kachelofen wird wohl noch eine Weile von alleine vor sich hinbullern und so für eine wohlige Wärme in der Hütte sorgen. Und mit der Bemerkung, wir könnten uns im Weinlager ruhig frei bedienen, abrechnen können wir dann ja morgen früh, drückt er uns lächelnd die Schlüssel in die Hand und fährt davon…

Ich schließe hinter ihm ab, dann sind wir ganz alleine in der Hütte und waschen uns zuerst einmal. Das Salz muss unbedingt noch von der Haut, damit die Salzkristalle morgen keine Entzündungen verursachen können! Dann richten wir die Thermarest-Matten (Luma’s) hin und legen die Schlafsäcke aus. Anschließend koche ich uns noch ein kleines Süppchen und wir lassen diesen „zweiten Tag“ mit ein paar Gläschen „Rotem“ aus dem Lager, gemütlich ausklingen. Bald ist auch der dann vorbei, und morgen wird dann bestimmt schon wieder alles viel besser gehen..!

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Kandelhöhenweg – 1. EtappeKandelhöhenweg – 3. Etappe

2 Kommentare »

  • Franz-Josef H. Andorf sagt:

    Einfach toll, was Ihr da geleistet habt! Ihr beide seid aus einem ganz besonderen Holz. Ich bewundere Eure Leistung! Gruß Franz

  • Rainer sagt:

    Hallo Franz, herzlichen Dank für das Kompliment! Liebe Grüße, Rainer und Claudia

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