Home » Allgemein

Damhirsche, Wildschweine und uralte Kastanien

5 November 2013 2 Kommentare

IMG_5918

Heute gehen wir es gemütlicher an, denn für den letzten Wandertag steht nur noch eine kürzere Runde auf dem Plan. Trotzdem wollen wir noch einmal hinauf, in Richtung Passo Porcareccio, werden dann unterwegs aber – auf etwa halber Höhe – gleich wieder links abbiegen und über Montemezzano , und das Tal des Gargone nach La Chiusa zurück kehren. 

IMG_5834Um Acht sitzen wir beim Frühstück und genießen gleich wieder Mozzarella mit Kräutern und Olivenöl, so wie luftgetrockneten Schinken.
Geh‘ Du ruhig schon mal vor,..“ schmunzle ich irgendwann an Claudia gewandt „..ich bleibe hier..!“ In der Tat könnte ich hier nun auch übergangslos bis zum Abendessen sitzen bleiben.
Und nach dem Frühstück dann gleich zum Frühschoppen übergehen..? Nix isch..!“ kontert die gerade in bestem Schwäbisch, als ich unvermittelt aufspringe und meine Kamera aus der Fototasche ziehe. Ich konnte nebenher vom Tisch aus nämlich beobachten, wie mehrere Hirschkühe am Waldrand aufgetaucht sind und sich nun vorsichtig umsehen. Und dann sind sie auch schon auf der Wiese, direkt unterhalb unseres Frühstück-Zimmers!
IMG_6028

Da sie sich nun nicht mehr stören lassen, habe ich meine Fotos bald im Kasten und frühstücke anschließend ebenfalls weiter. Trotzdem ist es immer wieder so richtig großes Kino, schon beim Frühstück Hirsche beobachten zu können!

IMG_5843Um 9.30 Uhr stehen wir dann auf der großen, überdachten Terrasse vor dem Haus und machen uns abmarschbereit. Noch schnell den Garmin scharf machen, und es geht los.

Für heute haben wir jene Tour geplant, die Scipio in der Homepage von La Chiusa als Antike, toskanische Bergarchitektur 2 beschreibt. Auch hierfür können wir die Daten über den Garmin wieder etwas genauer ermitteln und kommen für die Rundwanderung dann auf 13,2 Kilometer mit 866 Höhenmeter. (Geglättete Werte!)
Gleich vom Haus weg führt uns ihr Verlauf steil hinauf, zu dem kleinen Anwesen (Case Gaviserri) oberhalb von La Chiusa. Dort halten wir uns an der Abzweigung wieder rechts, und folgen nun dem Wanderweg 78 in Richtung Pass.

Schon nach kurzer Strecke, dort, wo auf der Lichtung die großen, gefällten Kastanienbäume liegen, hören wir dann plötzlich das laute, raue Atmen eines Damhirsches. Diese röhren ja nicht, wie wir inzwischen wissen, sondern atmen dafür ähnlich rasselnd, wie es große Raubkatzen tun. Und das hört sich nun fast genauso an, als ob hier irgendwo ein Löwe, oder ein Tiger im Gebüsch liegen würde.

IMG_5846

Dann erkenne ich seine Silhouette am Waldrand, hinter dem kleinen Waldstreifen vor uns. Dort liegt er und sieht uns an.
Bekommst Du ihn auf diese Distanz..?„, will Claudia leise wissen und meint ein Foto.
Keine Ahnung..!“ erwidere ich und wechsle mit ruhigen Bewegungen das Objektiv. Eigentlich ist es noch viel zu duster, für Aufnahmen mit dem Tele aus der Hand. Ich mache ein Foto vom augenblicklichen Standort, dann bitte ich Claudia stehen zu bleiben und gehe einen Schritt rückwärts.

IMG_5847IMG_5847-2IMG_5849

Nun kann ich ihn nicht mehr sehen, weil er von einem Baumstamm verdeckt wird. Also dürfte er mich nun aber ebenfalls nicht mehr sehen können. Und wenn ich nun ganz vorsichtig genau auf diesen Baum zugehe, dann sollte ich mich ihm so eigentlich bis auf „Schuss-Distanz“ nähern können, ohne dass er das bemerkt.
IMG_5849-2Das gelingt mir tatsächlich, als ich die Kamera jedoch aus dem Sichtschutz des Baumes hervorhebe bemerkt er mich, und steht auf. Und nun ist natürlich jede Bewegung zu viel: Sein Aufstehen, und natürlich auch mein eigenes Gezittere! Obwohl ich die Kamera fest am Baum anlege, haben die Fotos qualitativ höchstens „Beweis-Charakter“ für die Aussage, daß wir einen kapitalen Damhirsch gesehen zu haben!
(200 ISO, 1/4 Sek. bei f / 5,6 und 235mm! Distanz ca. 150Meter) Ich bitte die miserable Qualität daher zu entschuldigen!

Schlechte Qualität hin, oder her – die Fotos sollen Euch eigentlich nur zeigen, wie nahe Ihr hier immer wieder an kapitale Hirsche heran kommt. Und wenn sich jemand vielleicht – anstatt auf das Wandern – auf Tierfotografie spezialisiert hat, so sind ihm hier tolle Aufnahmen bestimmt sicher!

IMG_5859

Auch wenn die Hirsch-Aufnahmen miserabel sind, das Erlebnis selbst war für uns wieder mal ein echtes Highlight! Wer hat denn schon mal einen wild lebenden, kapitalen Damhirsch auf diese kurze Distanz gesehen?
Wir haben die Begegnung mit ihm noch nicht verarbeitet, da hören wir auch schon wieder lautes, zufriedenes Grunzen aus dem IMG_5860Gebüsch tönen und können die Wildschweine kurz darauf auch schon sehen. Wenn sie einen dann ebenfalls ausmachen ändert sich dieses Grunzen jedes Mal sofort: Es wird höher und klingt dann zudem auch deutlich verärgerter! Und der hoch aufgestellte, pechschwarze Kamm auf dem Rücken unterstreicht ihren Unmut über diese Störung dann nur noch einmal zusätzlich.
Trotzdem haben wir inzwischen keine Angst mehr vor ihnen. Lediglich noch etwas Respekt, aber das ist wohl auch ganz gut so!

Wir passieren erneut das alte, verfallene Gemäuer einer historischen Kastanien-Trocknerei, dann sind wir am auch schon wieder auf 1.182m nN angekommen und erreichen kurz darauf unsere Abzweigung. (La Chiusa: 662m nN!)
IMG_5868Inzwischen ist die Sonne durchgebrochen und taucht das ganze Casentino in herrliche, warme Herbstfarben.
Ab hier führt uns unsere heutige Tour nun wieder abwärts und zudem auch durch absolutes Neuland. Wir folgen einem breiten, gemütlich zu gehenden Fahrweg und genießen die tollen Farben, die die Sonne hier in den herbstlichen Buchenwald zaubert. Wo wir der Sonne entgegen gehen, lässt sie die bunten Blätter immer wieder richtig aufglühen!

Kurz bevor wir die Pass-Straße erreichen, knickt unser Weg scharf rechts weg. Kurz darauf passieren wir die alte, hübsch restaurierte Kirche Montemezzano, rechts des Weges und erreichen dann ein einsam gelegenes Haus. Obwohl niemand hier ist, stehen Liegestühle davor und Claudia beschließt spontan, dieses Angebot anzunehmen: Kurze Rast.

IMG_5907Während sie sich im Liegestuhl räkelt, suche ich mit der Karte nach dem weiterführenden Weg und habe dabei erneut ein kleines Erlebnis: Tausende von Heuschrecken stieben unter meinen Schritten plötzlich aus dem Gras auf, und fliegen dann ein paar Meter weit, bevor sie wieder im Gras verschwinden.
IMG_0357Hinter dem Haus finde ich dann den weiterführenden Weg und kehre erstmal zu Claudia zurück. Dort setze ich mich dann ebenfalls noch für ein paar Minuten in die Sonne und genieße ihre wärmenden Strahlen.
Als wir kurz darauf wieder aufbrechen, dirigiere ich Claudia ebenfalls (ohne ihr zuvor etwas zu sagen!) mitten in diese Heuschrecken-Armada hinein! Und die hat nun natürlich ebenfalls ihre helle Freude mit dem unglaublichen Gewusel.

Dann nimmt uns ein schmaler Pfad auf, und führt uns – in lebendigem Auf und Ab – zu einer alten Wehranlage. In einem gemauerten Schützenstand liegt ein toter Frischling, der da wohl hineingefallen und nicht mehr heraus gekommen ist.
Wir folgen dem Pfad noch auf den Hügel im Wald, wo ein historischer Mauerrest steht. Dann drehen wir um und kehren zurück.

IMG_5915

Nun führt unser Waldpfad immer abwärts, bis Claudia plötzlich wieder mal inmitten eines völlig umgegrabenen Wildschwein-Ackers steht.
Und jetzt..?„, fragt sie belustigt. In der Tat ist hier nirgends mehr ein weiterführender Pfad zu sehen. Die Wildschweine haben ganze Arbeit geleistet.
Immer nur abwärts..!“ teile ich ihr dann etwas belustigt mit, nachdem ich aber vorsichtshalber erst nochmal in die Karte geschaut habe.

IMG_5883IMG_5885IMG_5892

Kurz darauf erreichen wir dann neben ein paar Gebäuden (immer noch ohne jeden Pfad!) die Straße, die von Stia zum Passo della Calla führt. Wir folgen ihr ein paar Meter abwärts, dann führt uns wieder ein Wanderweg rechts hinunter, ins wildromantische Tal des Flüsschens Gargone.
IMG_0363Dieser Weg macht uns nun einmal mehr so richtig Spaß: Immer wieder ist er so verwachsen, dass wir den weiteren Verlauf richtig suchen müssen. Aber auch das ist kein Problem, denn wir sind höchstens 100 Meter vom Talgrund entfernt, könnten notfalls also auch ohne jede Wegführung vollends absteigen!

Aber immer wieder finden unsere suchenden Augen rot-weiße Markierungen an den Bäumen. Und selbst wenn der Weg teilweise kaum mehr auszumachen ist, er existiert und ist – trotz aller Verwachsungen – überall prima zu gehen!
An einer besonders dicht bewachsenen Stelle hängen sogar dicke Lianen von den Bäumen herunter und ich fühle mich doch für einen kurzen Augenblick an Tarzan erinnert.
Ich Tarzan.., Du Jane..!“ lache ich zu Claudia hin und klopfe mir dabei auf die Brust.
Na-ja..,“ antwortet die belustigt „..Tarzan hatte zwar keinen Bart, aber wie im Dschungel sieht das hier ja fast wirklich aus..!

IMG_5920Dann stehen wir auch schon unten, im Talgrund und folgen nun dem schon bestens bekannten Weg – einmal mehr – flussabwärts. (Der ist aber wirklich so schön, dass er wohl nie langweilig werden wird!)

Nach einer knappen, weiteren Stunde erreichen wir dann ganz gemütlich wieder unsere geliebte Herberge La Chiusa und werden dort von Biggi herzlich empfangen. Sie hat uns sogar extra einen Apfelkuchen zum Kaffee gebacken, den wir nun natürlich – frisch geduscht – so richtig genießen!

Ein wirklich toller Wanderurlaub nähert sich nun leider seinem Ende. Zur Feier des Tages essen Biggi und Scipio heute noch einmal gemeinsam mit uns zu Abend. Und auch heute hat Scipio in der Küche wieder richtig gezaubert:

Vorspeise:

Gebackener Pecorino-Käse mit Honig

1. Gang:

Risotto mit Radicchio-Salat, mit Mangold

2. Gang:

(Eigenes!) Lamm, im Ofen gebacken

Dessert:

Tiramisu

IMG_5966

Noch einmal sitzen wir anschließend lange zusammen und unterhalten uns mit den Beiden über die tolle Landschaft des Casentino und die unglaubliche Nähe zur Natur, die wir hier an jedem Tag aufs Neue erleben durften!

IMG_5932-2Unser Fazit: La Chiusa vermag dem naturverliebten Wanderer etwas zu bieten, das man sonst wohl nur in weitaus abgelegeneren Regionen dieser Welt finden kann: Eine liebevoll gepflegte, absolut saubere Unterkunft im toskanischen Stil, inmitten eines herrlichen Natur-Paradieses! Macht man nämlich nur einen einzigen Schritt hinaus, dann findet man sich bereits inmitten einer urwüchsigen, teilweise völlig naturbelassene Landschaft mit einem Wildbestand wieder, wie wir ihn bisher noch nirgends erleben durften! So verging in dieser Wander-Woche wirklich kein einziger Tag, ohne dass wir auf unseren Touren unterwegs Rot-, und Damhirschen ganz nahe gekommen wären. Daher gehen einem bei der Beschreibung dieses Natur-Paradieses dann auch sehr leicht die Superlativa aus!

Wer also gerne einmal über den Rand unserer gewohnten „Premium-Wanderwege“ hinausschauen möchte, der bekommt hier im Casentino die Gelegenheit dazu! Und abends kann man sich dann immer wieder in die Geborgenheit von La Chiusa zurückziehen, wo sich Biggi und Scipio ganz liebevoll um einen kümmern!

Nur schade eigentlich, dass wir unterwegs keine Stachelschweine gesehen haben, denn die sind hier ebenfalls ziemlich häufig. Dann eben das nächste Mal vielleicht, denn wir werden wiederkommen – das ist sicher..! Rainer & Claudia

 

Download GPS-Track

HD-La-Chiusa_Tour-6


Größere Kartenansicht 

2 Kommentare »

  • Wandern im Toskanischen Apennin | Rainer & Claudia sagt:

    […] 6. Tag: Damhirsche, Wildschweine und uralte Kastanien Noch einmal geht es durch alte Esskastanien-Wälder steil hinauf, in Richtung Passo della Porcarrecio. Dann über angenehme Forstwege zum letzten Mal hinunter, zum Tal des “Gargone”. Unsere Abschieds-Wanderung – nicht ohne Wehmut..! […]

  • Sven sagt:

    Immer wieder schön zu sehen, dass es noch so viele Natur zu bestaunen gibt :)Und Hut ab für die Strecke, die ihr zurück gelegt habt. Fange ab morgen auch wieder mit dem Wandern an und freue mich schon sehr darauf.

Schreibe doch einen Kommentar!

Schreibe hier einen Kommentar, oder Trackback von Deiner eigenen Website. Du kannst auch diese Kommentare als RSS-Feed abonnieren.

Du kannst folgende Tags verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Auf dieser Seite können Gravatars verwendet werden. Um deinen eigenen Gravatar zu bekommen, registriere Dich auf Gravatar.