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Crêtes des Vosges – 19. Etappe

1 Oktober 2012 Ein Kommentar

Trotz der Geborgenheit einer Abri habe ich nur mäßig geschlafen. Irgend etwas kratzte mitten in der Nacht an der Türe und wollte herein. Ich vermute einen Waschbären und stehe auf, kann draußen aber leider nichts ausmachen. So verbarrikadiere ich die Türe mit den Wanderstöcken und mummle mich rasch wieder in den mollig warmen Schlafsack. In der Hütte ist es nämlich saukalt..!

Als der Garmin piepst schlafe ich wieder tief und mag eigentlich auch gar nicht aufhören. Aber es ist unser letzter Tag, die Schlussetappe steht an. Psychisch gesehen, geht es nun eigentlich nur noch zum Auto und dann nach Hause.  Zuvor müssen wir aber noch über den Ballon d’Elsass, den Elsässer Belchen und der hat es bekannter Weise noch einmal kräftig in sich!
Eigentlich kaum zu glauben, dass wir nun schon 18 Tage lang auf dem Vogesenkammweg unterwegs gewesen sind, wenn auch mit einer Zwangspause von fast zwei Jahren!

Ziemlich lustlos quäle ich mich aus der Wärme des Schlafsacks und stelle uns das Kaffeewasser auf den Gaskocher. Ein Blick durchs Fenster ist auch nicht motivierend. Draußen ist noch alles triest und grau, denn die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Nur die Kühe scheinen schon aktiv zu sein. Das Kling-Klong ihrer Glocken schallt leise von der Weide zu uns herauf.
Um die fehlende Zeit von gestern aufzuholen, haben wir den Wecker heute eine halbe Stunde früher gestellt. Es ist erst halb Sieben und da wir ja auch kein Zelt abbauen müssen, sollten wir so eigentlich eine gute Stunde früher wegkommen.

Es ist ziemlich frisch in der Abri, deutlich kälter als bisher morgens immer im Zelt. Der doppelwandige Stoff hält wohl deutlich mehr Wärme zurück, als die inzwischen völlig ausgekühlte Hütte. So zieht sich Claudia dann auch noch im Schlafsack sitzend an. Die Kleider waren – eingeschlagen in die Softshell-Jacke – über Nacht als Kissen unter ihrem Kopf gelegen und sind daher nun angenehm warm und trocken.

Dann frühstücken wir, während ich bereits über der Karte sitze. Die Schlussetappe hat es nun nämlich ganz zwangsläufig noch einmal so richtig in sich. Vor allem die langen, finalen Abstiege, hinunter ins Dollertal, werden uns ordentlich Körner kosten. Aber zuvor wird uns erst mal der Belchen-Aufstieg noch auf eine ordentliche Betriebstemperatur bringen.

Als wir aufbrechen kommt gerade die Sonne durch die Wolken. Es wird wohl auch heute noch einmal ein toller Wandertag werden, womit wir dann mit dem Wetter, auf den vier Schlussetappen mal wieder so richtig Glück gehabt haben. Wenn eben Engel reisen..!

Schon nach kurzer Strecke passieren wir die bereits für gestern avisierte Quelle. Sie liegt tatsächlich direkt am Wegrand und ist daher auch wirklich nicht zu übersehen. Nur mit der Zeit haben sich die Wanderfreunde gestern etwas vertan.

Wie erwartet, kostet uns der Anstieg zum Elsässer Belchen noch einmal richtig Kraft. Immer wieder reihen sich unglaublich steile Passagen aneinander, nur von kurzen, wenigen ebenen Metern unterbrochen. Claudia bekommt irgendwann Probleme und hängt dann immer mehr ab. So sitzen wir immer häufiger mal kurz am Wegrand, um uns zu erholen. Trotzdem ist dieser Aufstieg ein tolles Erlebnis. Und irgendwann ist er dann auch vorbei und wir lassen uns oben auf die einladende Bank fallen und sehen nebeneinander hinunter, ins Dollertal.

Dort hinten ist schon Masevaux zu sehen..!„, zeige ich Claudia unser Etappenziel. Das Münsterstädtchen ist am Ende des Tales bereits deutlich auszumachen. Dort steht unser Auto, dort müssen wir also hin! Und wenn wir das geschafft haben, dann werden wir die Vogesen von Wissenbourg im Norden, bis nach Masevaux im Süden zu Fuß durchquert haben. Also mal ganz grob gesehen – von der Pfalz im Norden, bis fast hinunter, nach Mulhouse!

Irgendwie muss das Wort Belchen aber wohl irgend etwas mit „Wind“ zu tun haben. Denn kaum stehen wir oben, am Elsässer Belchen, werden wir auch schon fast wieder davon geblasen. Auch hier fegt wieder ein eiskalter Wind fegt über den Gipfel und bringt uns zum frösteln. Kein gutes Klima, wenn man vom Aufstieg her noch nassgeschwitzt ist. Claudia zieht daher auch nur die Kapuze hoch und zieht dann wortlos los hinüber, in Richtung Gipfel-Roundell.

Von hier oben aus sehen wir nun auch das Belchen-Hotel, aber für große Pausen haben wir heute leider keine Zeit. Und auch die große Ferme Auberge direkt neben dem Weg, lassen wir lieber aus. Wir müssen schließlich heute auch noch etwas Strecke von gestern gut machen und bis nach Masevaux ist es schließlich noch ziemlich weit! Inzwischen können wir nämlich den gesamten Höhenrücken überblicken, der uns bis zu unserem unserem Ziel führen wird. Und das nötigt auch uns so einiges Respekt ab.

Zügig passieren wir daher das Skigebiet Plain de la Gentiane und ziehen dann hinauf, in die Hochweiden am Wissgrut. Mit toller Fernsicht geht es hinüber, in den Tremontkopf-Wiesenhang und zur Madonnenstatue Vierge du Lochberg. Zu ihren Füßen werfe ich den Rucksack ins Gras und ziehe die Schuhe aus: Kurze Rast..!

Inzwischen ist auch aus diesem Tag wieder ein toller Sonnen-Tag geworden. Wo es windstill ist, ist es bereits unglaublich warm und so hängen die Softshell-Jacken auch längst wieder am Rucksack. Aber es zeichnet sich bereits wieder ein anderes Problem ab: Erneut fehlt uns nämlich Wasser! Wir haben uns verkalkuliert.
Zwar haben wir unterwegs bereits einige Quellen passiert, aber durch die starke Überweidung in ihrem Einzugsgebiet möchte ich davon ungekocht lieber nicht trinken. Und zum Abkochen des Wassers fehlt uns nun einfach die Zeit!

Ein kurzer Blick in die Karte zeigt mir, dass wir außerdem nun auch nur noch über den Col du Hirzelach, einem Pass, zum Baerenkopf aufsteigen müssen. Ein letzter Anstieg von knapp einhundert Meter, der eigentlich gar nicht erwähnenswert ist. Danach geht es dann – über den Sudel, einen unscheinbaren Waldbuckel – nur noch bergab, bis nach Masevaux. Ich schätze die verbleibende Strecke nun noch auf etwa 6 Kilometer, mit dem großen Gepäck dürften das noch gute zwei Wegstunden sein. Wenn wir uns den verbleibenden Tee also etwas einteilen, dann sollte er uns eigentlich bis zum Auto reichen.

Dann beginnt aber der finale Abstieg und bald meldet sich auch der Durst. Vielleicht ist das ja nun nur psychologisch, weil wir wissen, dass der Tee knapp ist. Tatsache ist jedoch, die schweren Rucksäcke schieben uns hier auf steilsten Pfaden den Berg hinunter. Schon nach kurzer Zeit sind wir daher wieder völlig nassgeschwitzt und unsere Oberschenkel scheinen zu kochen! Mein Mund ist vom tiefen atmen bald ziemlich trocken. Wir müssen einfach trinken und wenn man nicht darf, dann denkt man rasch an nichts anderes mehr..!

Irgendwann sitzen wir dann nebeneinander und teilen uns gerade den letzten Rest Tee, als Claudia plötzlich völlig aus dem Häuschen ist: Irgendwo, etwas weiter von uns entfernt, röhrt im Wald ein Hirsch! Und noch einmal ist er zu hören! Das hat sie sich die ganze Zeit über gewünscht, doch noch einmal erleben zu dürfen!
Dann fegen aber erste Windböen durch die Baumwipfel und kündigen Regen an. Der war für heute Abend angekündigt, wie uns elsässische Wanderer inzwischen erzählt haben. So packe ich die Canon lieber weg und hole die Regenjacke aus dem Rucksack. Dann sehen wir nur noch zu, dass wir schnellstmöglichst hinunter kommen, zum Auto am Ortsrand von Masevaux. Fotos gibt es daher nun leider keine mehr..!

Crêtes des Vosges – 19. Etappe: Haute Bers – Ballon d’Alsace – Tremontkopf – Baerenkopf – Sudel – Masevaux

Strecke: 26,0 Kilometer – 11,0 Stunden. 678 Höhenmeter im Anstieg, 1.324(!) Höhenmeter im Abstieg.

Download GPS-Track[urldisplaymode=nomap]


Größere Kartenansicht 


Crêtes des Vosges – 18. Etappe

Ein Kommentar »

  • Rainer Motte sagt:

    Es ist immer wieder bewundernswert, was Ihr bei solchen Trekking-Touren so leistet. Die Freude an diesen ganz besonderen intensiven Natur- und auch Selbsterfahrungen (auch Selbstüberwindung) muß wohl die Strapazen und Widrigkeiten überwiegen, sonst würdet Ihr’s ja nicht machen. Reines „Genuß-Wandern“ ist das sicherlich nicht. Ihr wart in einer ausnehmend schönen, wenn auch rauhen Gegend unterwegs. Ich bin vor ein paar Jahren (mit dem Auto) die D466 heruntergefahren, am Lac d’Alfeld und Lac de Sewen vorbei. Diese Route hat mir so gut gefallen (dazu noch ein Fernsehbericht über das Dollertal in „Fahr mal hin“), daß ich da irgendwann auch einmal zum Wandern hinmöchte. Natürlich unter etwas weniger extremen Bedingungen 😉

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