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Crêtes des Vosges – 6. Etappe

27 Oktober 2010 Kein Kommentar
 Dieser Artikel ist Teil 6 von 19 in der Serie Der Vogesenkamm-Weg

Es hat die ganze Nacht hindurch weiter geregnet und wir wissen eigentlich gar nicht so recht, wie wir die nassen Klamotten von gestern trocken bekommen sollen. Auch wenn Schlafsack, Ersatzwäsche und die ganze Ausrüstung innerhalb der Rucksäcke, trocken geblieben ist, alles was wir während des Wolkenbruches an hatten, ist auch heute Morgen noch feucht und kalt!

Selbst die nur vom Schweiß (innen) nass gewordenen GoreTex-Jacken sind über Nacht nicht trocken geworden. Die Luft ist einfach zu 100% mit Wasser gesättigt und nimmt daher auch keine weitere Feuchtigkeit mehr auf!

„Anziehen und trocken tragen..!“, brumme ich daher etwas genervt in den Bart hinein, als mich Claudia fragt, was sie mit den feuchten Klamotten machen soll.

Nein, das war kein Witz!„, erkläre ich ihr dann, als sie mich mit großen Augen ansieht. „Du hast zwei Möglichkeiten. Packe alles, was nass ist, in eine Plastiktüte, verstaue es im Rucksack und ziehe trockene Klamotten an. Oder ziehe die nassen Kleider einfach wieder an und trage sie am Körper trocken!

Und wie bekomme ich die nassen Klamotten in der Tüte dann wieder trocken, wenn ich jetzt Frische anziehe..?„, fragt sie mich etwas gefrustet und deutet mit dem Daumen nach oben, zum Himmel. Von dort prasselt es nämlich noch immer ziemlich gleichmässig auf das Zelt-Dach.

Ich zucke mit den Schultern und streife mir nebenher das feucht-kalte T-Shirt von gestern wieder über: „Bei dem Wetter..? Überhaupt nicht, brrr..!„, schüttle ich mich.

Zur Erklärung: Auch der heutige Tag wird sofort wieder mit einem kräftigen Aufstieg beginnen. Da wir dabei aber (wetterbedingt) gleich wieder Regenhose und GoreTex-Jacke mit Kapuze tragen müssen, wären auch alle frischen Kleider sehr schnell wieder durchgeschwitzt gewesen. So ist es also deutlich sinnvoller, die Klamotten von gestern einfach wieder „warm zu tragen“ und zu hoffen, dass sie dabei dann vielleicht – nach und nach – doch noch trocknen! (Die warme Luft unter den GoreTex-Jacken nimmt nämlich deutlich mehr Wasser auf, als die kalte Luft außerhalb. Allerdings kommt dabei natürlich auch immer noch viel Feuchtigkeit – in Form von Schweiß – nach!)

Auch wenn es für einen Augenblick ziemlich unangenehm war, die Entscheidung ist wohl richtig gewesen, denn schon nach dem Abbau unseres Zeltes ist uns wieder völlig warm. Allerdings darf man sich nun nicht mehr ausruhen, denn sonst beginnt man natürlich schnell auszukühlen und zu frieren! Daher packen wir zügig zusammen und machen uns dann auf den Weg.

Das nächste Ziel ist nun die Felsenburg-Ruine Haut-Barr. Über angenehm zu gehende Wege wandern wir stetig aufwärts und versuchen dabei unsere „Betriebs-Temperatur“ etwas über die Marschgeschwindigkeit zu regulieren. Mit dem großen Gepäck, gar nicht so ganz einfach.

Gleich zu Beginn überholen uns zwei Holländer mit leichten Tagesrucksäcken. Etwas weiter oben orientieren sie kurz und wir können sie wieder einholen. So erfahren wir, dass sie ebenfalls auf dem Crêtes des Vosges unterwegs sind. (Die allerersten Vogesenkamm-Wanderer übrigens, denen wir bisher begegnet sind! Das war auf dem Westweg ganz anders gewesen!)

Die Felsenburg Haut Barr ist wirklich recht beeindruckend und das diesige Wetter scheint das nur noch unterstreichen zu wollen: Wirklich gespenstisch ragt sie über uns aus dem Nebel heraus.

Kurz darauf kommen wir an ein paar hübschen Schnitzereien vorbei. Hier sehe ich nun auch die ersten (goldstieligen) Pfifferlinge. (Anmerkung: Obwohl es hier wirklich Pilze in Massen gibt, Eierpfifferlinge finden wir während der gesamten Tour überhaupt keine!)

Dann nimmt der lange Aufstieg endlich mal ein (vorläufiges) Ende. Auch der Dauerregen hat aufgehört , als wir endlich oben sind, am Brotsch (542m). Unterhalb des Gipfel-Turmes ist eine kleine Schutzhütte des Club Vosgien, in der wir kurz rasten. Dabei riskieren wir sogar, kurz die Jacken auszuziehen, um so etwas „abzudampfen“!

Ein kurzer Blick, hinüber zum Brotsch-Turm und ein schnelles Foto, dann ziehen wir weiter, zum Brotsch-Felsen. Idyllische Pfade leiten uns hinüber, zu diesem Aussichtspunkt, von dem aus man – bei klarem Wetter – weit in die Rheinebene hinaus blicken kann.
Steil und rustikal geht es dann weiter, hinunter und um den Felsen herum, zur Grotte du Brotsch, einem beeindruckenden „Loch“ im Sandstein-Felsen. Es handelt sich dabei angeblich um die größte Höhle auf der elsässischen Seite der Vogesen. Und hier kommt nun endlich auch einmal wieder kurz die Sonne heraus. Ihr ahnt ja nicht, wie gut uns das tut..!

An einem umgestürzten Baumstamm in der steilen Halde schlägt Claudia vor, kurz zu vespern und dabei die GoreTex-Jacken und Regenhosen (innen) zu trocknen.
Geht ganz schnell..!„, weiß sie, während sie die Kleidung fachmännisch ausbreitet. Das ist wirklich ihr Fachgebiet.

In der Sonne ist es hier auch sofort angenehm warm und wir genießen ihre Strahlung. Echter Balsam für die etwas geschundene Seele..! Und auch unsere Kleidung ist tatsächlich wieder trocken, als wir nach etwa 25 Minuten von hier aufbrechen. Nun benötigen wir auch keine GoreTex-Jacken und Regenhosen mehr und verstauen sie im Rucksack.

Von hier aus führt nun ein ziemlich steiler, aber auch sehr schöner Abstieg hinab, zur Straße. Als traumhafter Trampelpfad folgt er ihrem Verlauf dann immer etwas abseits, in ständigem Auf und Ab und führt uns hinüber, zum Geissfelsen (612m). Von dort aus geht es nun aber schon wieder etwas kräftezehrender weiter, durch La Hoube, zum Col de la Schleif. Mit 689m der höchste Punkt, der heutigen Etappe.
Sie führt uns hier durch eine wirklich beeindruckend schöne Landschaft mit vielen Fels- und Wurzelpfaden und lässt so jede Anstrengung des hinter uns liegenden Aufstieges, schnell wieder vergessen. Insbesondere der gigantische Fels Rocher de Dabo beeindruckt uns mächtig. Leider ist hier ans Fotografieren mal wieder nicht zu denken, da das Licht einfach zu schlecht ist.

Dann erleben wir aber noch ein weiteres, unerwartetes Highlight dieser Etappe: Oben, am Col de la Schleif angekommen, stoßen wir auf eine Gruppe französischer Türken, die hier gemeinsam den Wochen-Ausklang feiern. Als sie uns als Wanderer erkennen, werden wir von ihnen sofort zur Hütte gebeten und mit frisch gegrillten Lamm-Kotelettes(!) versorgt. Nach 6 Tagen ohne Fleisch, ein wahres Gedicht für uns! Anschließend gibt es dann noch einen kräftigen Raki und viele gute Wünsche, für unsere restlichen Etappen! Die Männer sind völlig begeistert von unserer Idee, den Vogesenkamm-Weg mit großem Gepäck und Zelt zu bewältigen!

Nach einem fast nicht enden wollenden Abschied steigen wir dann ab, in Richtung Wangenbourg-Engenthal und Claudia schwärmt unterwegs noch lange, von den hervorragend gewürzten und wirklich butterzarten Lamm-Kotelettes. (Sonst ist sie nicht unbedingt ein Freund von so viel Knoblauch!) Aber auch der Raki geht uns inzwischen nicht nur in den Kopf, sondern auch etwas in die Beine und hier geht es nun noch einmal richtig steil hinunter!
Wir nehmen das aber einfach mit dem erforderlichen Humor, bis uns wieder der Ernst dieser Etappe einholt: Wir benötigen nämlich unbedingt auch noch frisches Trinkwasser!

Ein Blick auf die Karte lässt mich vorschlagen, an einem der ersten Häuser zu läuten und um Wasser zu bitten. Claudia ist einverstanden und wir verlassen unseren Rotstrich kurz, um die paar Meter nach Engenthal le Bas abzusteigen. In der Talsohle angekommen, steuern wir zielstrebig das erste Haus an (Es war das Forsthaus!) und bitten dort höflich um drei Liter Trinkwasser.

Völlig überraschend fragt Claudia, die wohl sofort einen „Draht“ zu der freundlichen Elsässerin gefunden hat, dann aber plötzlich auch noch, ob wir vielleicht irgendwo – in einem Eckchen des Gartens – unser Zelt aufstellen dürften!

Aber ja..!„, kommt es wie aus der Pistole geschossen und dann schließt man uns sogar auch noch das Gästehaus auf, damit wir uns dort waschen und die Toilette benutzen können! Das Angebot, in den Gäste-Betten zu schlafen, lehnen wir dankend ab, schließlich sind wir unterwegs, auf einer Trekking-Tour! Aber die Elsässische Gastfreundschaft gegenüber Wanderer sucht in Deutschland wirklich oft Ihresgleichen..!

Ich nutze das Gästehaus aber natürlich auch, um über Nacht endlich wieder einmal alle Akkus für das Handy und die Kamera aufladen zu können. So erleben wir einen ganz entspannten Abend und genießen – endlich mal wieder (mit ausreichend Wasser) so richtig, frisch gewaschen – unsere Suppe. Dass es dann irgendwann schon wieder kräftig auf das Zelt prasselt, empfinden wir in dieser Nacht einfach nur als romantisch und nach ein paar Tassen heißen Tees schlafen wir auch bald den Schlaf der Gerechten. Denn sogar unsere Klamotten sind inzwischen wieder völlig trocken – alle..!

Unser Fazit aus dem sechsten Tag: Saverne – Dabo – Wangenbourg. 21,8 km / 736 Höhenmeter.

Wenn Kleidung einmal nass geworden ist, sollte man sich genau überlegen, ob man sie wechselt, oder nicht doch lieber (wenn von den Außen-Temperaturen her möglich!) „trockenträgt“!
In unserem Fall hätte ein Wechseln nur zur Folge gehabt, dass anschließend (durch den Schweiß) beide Garnituren nass gewesen wären!

Bei 100% Luftfeuchtigkeit ist die Luft völlig mit Feuchtigkeit gesättigt und nicht mehr in der Lage, noch mehr Wasser aufzunehmen. Kleidung kann also, selbst wenn man sie optimal aufhängt, nicht mehr trocknen, da sie keine Feuchtigkeit mehr an die gesättigte Luft abgeben kann! Nur wenn sich diese gesättigte Luft nun noch etwas weiter erwärmt, (z. B. durch die Körperwärme unter einer GoreTex-Jacke), kann sie wieder etwas mehr Wasser aufnehmen und dieses dann auch nach außen abführen!

Empfohlener Wanderführer: Rother, Vogesen. ISBN 978-3-7633-4018-7 (Achtung! Die im Führer und auf Schildern an der Strecke angegebenen Wanderzeiten sind mit „Vorsicht“ zu genießen! Wir dachten manchmal, dass diese Zeiten wohl beim „Joggen“ ermittelt worden sind, denn mit großem Gepäck sind sie nicht einmal annähernd zu erreichen!

Empfohlene Karten: Club Vosgien Carte N 1/8, 1:50.000


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