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Crêtes des Vosges – 14. Etappe

9 November 2010 Kein Kommentar

In dieser Nacht haben wir hervorragend geschlafen und endlich ist auch das Zelt wieder einmal völlig trocken! Wir stehen früh auf und da es recht frisch ist, frühstücken wir – gut gelaunt – „im Bett“ (bis zum Bauch im Schlafsack sitzend!). Claudia amüsiert sich köstlich, weil ich – in Franzosen-Manier – mein Baguette im Kaffee eintunke..!
Habe gar nicht gewusst, dass ich mit einem Gallier verheiratet bin..!„, schmunzelt sie. „Gibtnix„, brumme ich fröhlich zurück und bringe mein restliches Baguette in Sicherheit, indem ich mich wegdrehe.

Nach dem Frühstück packen wir zusammen und schießen im Morgengrauen noch ein schnelles Foto am Etang, bevor wir uns auf den Weg  zum Tête des Faux (1.208m) machen.

Der Weg führt dann auch gleich wieder steil aufwärts, aber wir genießen diesen frühen Aufstieg trotzdem, denn er führt – einmal mehr – über traumhaft schöne Pfade. Dick mit Tannennadeln bedeckt, verleihen sie einem ständig das Gefühl, über einen weichen Teppich zu gehen! Die Kühle des Morgens verhindert zudem noch jedes übermäßige Schwitzen.

Immer wieder ragen auch hier wieder beeindruckende Felsformationen empor, zwischen denen sich der Weg hindurch schlängelt. Dann wird es aber doch noch einmal richtig steil und die letzten 50 Höhenmeter zum Gipfel, ziehen uns wieder die letzten Körner aus den Beinen. Trotz der Kühle schwitzen wir inzwischen schon wieder kräftig und sind dann auch froh, endlich oben zu stehen.

Und hier verschlägt uns der Ausblick dann auch fast wieder die Sprache: Jetzt, kurz nach Sonnenaufgang, sehen wir einmal mehr hinunter, auf ein geschlossenes Wolkenmeer über der Rheinebene! Erst ganz am Horizont sind ein paar hohe Gipfel des Schwarzwaldes zu sehen und ich weiß hier nun eigentlich gar nicht, welchen Superlativ ich überhaupt noch verwenden soll, um diesen Eindrücken gerecht werden zu können..!

Wir legen die Rucksäcke ab und ich reiche Claudia eine Flasche mit Tee – gesprochen wird nichts mehr. Jeder ist für sich selbst damit beschäftigt, diese Eindrücke zu verarbeiten. Ich hole die Kamera heraus und versuche sie wenigstens halbwegs einzufangen. Siehe Bild unten:

Nach einiger Zeit nehmen wir dann unser Gepäck wieder auf und machen uns an den unvermeidlichen Abstieg, der nun ja einfach wieder kommen muss. Aber der hält sich in Grenzen und ist auch recht angenehm zu gehen. Er führt an einem sehr gepflegten(!) Soldatenfriedhof vorbei, über dem die Trikolore gehisst ist.

Nach etwa zwei Stunden erreichen wir am Col du Calvaire, einem gut erschlossenen Skigebiet, eine Taverne und gönnen uns einen Kaffee auf der Sonnenterrasse.

Jetzt sind wir endgültig in den Vogesen angekommen..!„, meint Claudia zufrieden und rührt in ihrer Tasse. Ihre Bemerkung zielt auf die Höhe des nun vor uns liegenden Vogesen-Kammes, über die Chaume-Hochweiden. Die Wege um unser Tagesziel, den Schluchtpass und den Gipfel des Le Hohneck, kennen wir ja schon, von früheren Touren.

Nach unserer kurzen Rast, füllen wir noch unsere Wasserflaschen auf und folgen dann ein paar Meter weit der Straße, bevor der Weg wieder rechts hinauf zieht und rasch zu einem schmalen Bergpfad wird. Er schneidet – immer aufwärts ziehend – eine steile Halde in einem lichten Buchenwald. Durch den Blattfall müssen wir höllisch aufpassen, die darunter verborgenen Wurzeln und Steine rechtzeitig zu erkennen, um nicht zu stürzen und ich bin einmal mehr froh, meine Wander-Stöcke dabei zu haben.

So passieren wir, bereits hoch oben, den ersten von drei Seen: Den Lac Blanc. Leider glänzt er so grell im Licht der Morgensonne, dass er auf einem Foto kaum darzustellen ist. Schade! Aber wir haben inzwischen den Kammweg erreicht und folgen nun dem Plateau in sachtem Auf und Ab. So hatte ich mir irgendwann einmal den Crêtes des Vosges vorgestellt: Immer oben, immer Sonne, immer eben – Wunschdenken und natürlich absoluter Blödsinn, die Realität haben wir inzwischen ja ziemlich ausgiebig kennengelernt..!

Zwischen niedergehaltenen Sturmkiefern und von Sturm gebogene Buchenbüschen, folgen wir nun dem schmalen Pfad über die Hochfläche. Man sieht von hier aus unglaublich weit über die sanft ansteigendenden Chaume-Weiden und erkennt sogar von hier aus schon die Abzweigung des weiteren Weges nach rechts, zum Taubenklangfelsen, dem Gazon du Faing (1.299m).

Ein schmaler Steg überwindet ein kleines Hochmoor, dann machen wir eine kurze Pause und ich koche uns frischen Tee. Die Rast in der Oktober-Sonne tut uns gut und Claudia kommt mit einem deutschen Ehepaar ins Gespräch, das hier ebenfalls rastet.

Frisch mit Tee versorgt, ziehen wir dann gemütlich weiter, heute einmal völlig ohne Druck. Die heutige Etappe möchten wir nämlich unbedingt kurz nach dem Col de la Schlucht, dem Schluchtpass beenden. Dort kennen wir uns bereits etwas aus und haben daher auch schon eine ganz bestimmte Stelle, zum Zelten im Kopf: Direkt oben, über den steilen Felswänden der Martinswand, Roches de la Martinswand.

Bis dorthin sind es nur noch etwa 10 Kilometer und dafür haben wir bis zum Einbruch der Dunkelheit Zeit, denn vorher können wir unser Zelt an dieser stark frequentierten Stelle ohnehin nicht aufbauen. So trödeln wir heute eben einmal richtig vor uns hin und genießen den wunderschönen Wandertag, in dieser herrlichen Umgebung.

Wir passieren den Taubenklangfelsen auf den typischen, schmalen Pfaden. Sie führen hier immer entlang der steilen Felskanten, direkt am Abgrund. Claudia hält sich erstaunlich wacker und hat ihre Höhenangst perfekt im Griff. Letztes Jahr wäre dieser Weg für sie noch nicht zu gehen gewesen! Zumindest nicht so nahe an der Steilwand. Das beweist, dass man seine Höhenangst durchaus in den Griff bekommen kann.

Von vielen Gesprächen mit Claudia über dieses Thema weiß ich, dass ihre Höhenangst immer noch unvermindert da ist. Heute beherrscht sie jedoch diese Angst, anstatt sich – wie früher – selbst von ihr beherrschen zu lassen! Sie hat – nach und nach – mental die Kontrolle gewonnen, und das ist ihr persönlicher Durchbruch gewesen.

Dann wird sie von dieser Angst aber doch noch einmal überrumpelt. Am Spitzfelsen ist sie völlig ausgepowert und wird in diesem Zustand von einem steilen Anstieg überrascht, der unmittelbar am Abgrund entlang führt.

Sie erzählte mir anschließend: „Mich hat es schlagartig so heftig gedreht, dass ich mich nicht mehr wehren konnte! Ich hatte einfach keine Kraft mehr dazu..!

Was sie aber gar nicht wahrgenommen hat: Sie hat diese heikle Stelle trotzdem gemeistert, anstatt – wie früher immer – umzudrehen! Klasse Claudia, geht doch..!
So erreichen wir dann den Schluchtpass und setzen uns dort in ein Straßencafé: Kaffee und Heidelbeerkuchen (eine regionale Spezialität!) für Claudia und ein „Bierle“ für mich. So viel Belohnung muss sein!

Anschließend „schlendern“ wir gemütlich hinauf, Richtung Le Hohneck. In seiner Sichtweite erreichen wir unser Tagesziel bei Sonnenuntergang und genießen einmal mehr den phantastischen Blick hinunter, auf’s Wolkenmeer über der Rheinebene.

Mit Einbruch der Dunkelheit schlagen wir unser Zelt auf und gehen zur abendlichen Routine über. Die Nacht wird sternenklar und kalt, aber auch wunderschön, denn die Milchstraße zeigt sich erneut in unglaublicher Pracht!

Unser Fazit aus dem vierzehnten Tag: Le Bonhomme – Gazon du Faing – Schluchtpass, 20,1 km / 820 Höhenmeter.

Wenn man die Anforderungen an sich selbst (was die Länge der Tagesetappen angeht) nur ein wenig zurück nimmt, dann kann man auch das Wandern mit großem Gepäck durchaus genießen. Der Körper gewöhnt sich schon nach wenigen Tagen an die Veränderung und stellt dann wieder die volle Leistungsfähigkeit zur Verfügung. Inzwischen ist uns auch klar geworden: Hätten wir die Möglichkeit gehabt, diese Trekking-Tour vielleicht auf zwei Urlaube, a 14 Tage zu verteilen, dann wäre daraus wohl wahres Lustwandeln geworden – trotz des Wetters! Leider war uns das nicht möglich! 

Empfohlener Wanderführer: Rother, Vogesen. ISBN 978-3-7633-4018-7

(Achtung! Die im Führer und auf Schildern an der Strecke angegebenen Wanderzeiten sind mit „Vorsicht“ zu genießen! Wir dachten manchmal, dass diese Zeiten wohl beim „Joggen“ ermittelt worden sind, denn mit großem Gepäck sind sie nicht einmal annähernd zu erreichen!

Empfohlene Karten: Club Vosgien Carte N 6/8, 1:50.000


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