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Crêtes des Vosges – 12. Etappe

7 November 2010 Kein Kommentar

Wir haben wieder geschlafen, wie die Toten. Nachdem uns der Wecker unseres Garmin „wachgepipst“ hat, mache ich – wie immer – Kaffee. Dazu gibt es den Rest Baguette von gestern mit französischem Tartare-Streichkäse.
Großkampftag..?„, fragt Claudia anschließend leise und holt dabei tief Luft. Ich nicke nur langsam. Natürlich sitze ich mit der Stirnlampe – Käsebrot links, Kaffee rechts – schon längst wieder über der Karte.

Heute stehen gleich zwei ordentliche Anstiege auf dem Programm. Eigentlich sind es sogar drei, aber den Mittleren lassen wir einfach mal unter den Tisch fallen, angesichts dessen, was da dann zum Schluss auf uns zukommen wird: Der Aufstieg zum Kœnigsstuhl! Auf 8,0 Kilometern Strecke geht es noch einmal von 270m auf 935m hinauf.

660 Höhenmeter auf 8.000m Strecke, das sind wieder mal schlappe 8% Steigung!„, rechne ich Claudia vor.
Na denn..!„, lacht sie nur leise. „Geh‘ schon mal vor, ich komme auch gleich..!“ Wenigstens eine, die gute Laune hat.

Nach dem üblichen Zusammenpacken (sogar das Zelt ist heute mal trocken!), ziehen wir pünktlich mit dem Tagesanbruch los. Allerdings kommen wir nicht weit, dann nach etwa 100m sitzt ein kleiner, völlig erschöpfter Wellensittich auf dem Weg. Ich bücke mich, um ihn aufzunehmen, aber er verbeißt sich völlig in meinen Zeigefinger und fliegt dann ein paar Meter davon.

Noch ’n Morgen-Muffel!„, grinse ich Claudia an und sauge an meinem Finger. Wir können ihm leider nicht helfen und ziehen daher weiter.

Vorerst geht es auf breiten Wegen durch Rebflure aufwärts. Bald können wir über ganz  Châtenois hinweg sehen, bis hinüber zu den Ruinen Ortenbourg und Ramstein. Wunderschön, wie sie so aus dem Morgendunst herausragen und von der aufgehenden Sonne angestrahlt werden.

Uns wird nun recht schnell warm, denn auch die Pfade auf dieser Talseite werden bald schmaler und steiler. Aber zumindest sind sie heute erneut trocken und die Herbstsonne scheint auch unsere geschundenen Seelen etwas zu wärmen. Kein Wunder, über uns spannt sich ein unglaublich blauer Himmel, an dem nicht eine einzige Wolke zu finden ist. Das wird heute ganz bestimmt ein wunderschöner Wandertag werden. Genau so hatten wir uns das Wetter für unsere Vogesentour immer gewünscht. Da sind dann auch die drohenden Anstiege gleich nur noch halb so steil! (Wunschdenken!)

Inzwischen ziehen wir wieder durch dichte Eßkastanien-Wälder. Maroni, wohin das Auge blickt und man muss wirklich aufpassen, dass man sie nicht zertritt!

Weißt Du jetzt, warum es hier so viele Wildschweine gibt?„, frage ich Claudia irgendwann. Sie nickt nur lachend mit dem Kopf:
Schätze mal, denen geht es hier so richtig gut..!

Bald werden wir aber wieder schweigsamer, denn der Anstieg zur Haut Kœnigsbourg fordert alle Kräfte. Er wird immer steiler! Dann stehen wir jedoch irgendwann direkt am Fuß der Burgmauer und sehen senkrecht hinauf. Inzwischen spricht keiner mehr und ich höre auch Claudia nur noch heftig schnaufen, als wir dem Trampelpfad folgen, der an einer Steintreppe endet. Wir ziehen uns am Geländer hinauf und stehen oben dann völlig unvermittelt auf einer bestuhlten Sonnenterrasse, direkt neben einem Kiosk.

Direkt vor uns, an der Mauer ist ein einziger Tisch mit zwei Stühlen frei und ich schwöre feierlich, dass ich den – in diesem Augenblick – mit meinem Leben verteidigt hätte!

Ich nehme Claudia ebenfalls noch den Rucksack ab, dann marschiere ich sofort los, in Richtung Kiosk. Ohne Claudia überhaupt nach ihren Wünschen gefragt zu haben, hoffe ich inständig, hier endlich ein „Wenig“ Frankreich zu finden und werde diesmal nicht enttäuscht: Mit zwei großen Kaffee und zwei Croissants kehre ich an unseren Tisch zurück. Claudia ist natürlich ebenfalls sofort begeistert, die Überraschung ist mir gelungen!

So sitzen wir dann unterhalb der Koenigsburg auf der Terrasse und sehen Kaffee-trinkend hinaus, über die Rheinebene. Unter uns ein geschlossenes Wolkenmeer und über uns ein blauer Himmel, ohne eine einzige Wolke.

So habe ich mir diesen Urlaub immer erträumt..!„, meint Claudia dann irgendwann leise und hält, gemütlich im Stuhl zurück gelehnt, das Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne.

Ich hole uns noch etwas zu trinken, dann widmen wir uns gemeinsam dem Kartenstudium, denn dieser Wandertag ist ja noch nicht zu Ende. Drei Stunden haben wir nun für diese erste Etappe mit 8,5 Kilometer und 460 Höhenmetern benötigt, wobei der Weg zum Ende hin immer steiler geworden ist. So etwas saugt einem schnell die letzte Kraft aus den Beinen!

Ich bringe noch das Geschirr zurück, dann nehmen wir das Gepäck auf und orientieren uns kurz. Links, um die Burg herum, geht es weiter.

Sehr gerne würden wir dieses gut erhaltene Schloss besichtigen, aber das würde leider viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber wir nehmen uns ganz fest vor, einmal extra hierher zu fahren, um uns diesen Wunsch zu erfüllen. Denn die Koenigsburg ist bestimmt nicht weniger interessant, wie beispielsweise Schloss Hohenzollern, auf der Schwäbischen Alb! Schon vom Schlosshof aus, wirkt sie äußerst beeindruckend und imposant und unsere Blicke wollen sie gar nicht loslassen, als wir unter ihr entlang gehen.

Dann taucht aber ganz unvermittelt ein anderes Problem auf: Der Weiterweg ist am Ende der Kœnigsbourg gesperrt. Dicke Holzbalken verwehren uns den Durchgang und ein erklärendes Papier, in Plastikfolie, enthält zwar viele Paragraphen, ist aber leider nur in französisch gehalten. Was nun?

Deutlich ist der Rotstrich zu verfolgen, wie er den Weiterweg markiert und eine Umleitung ist nicht ausgeschildert. Auch die Karte hilft uns nicht weiter.

Nach kurzer Überlegung steige ich dann einfach über die Barrikade und helfe Claudia ebenfalls drüber. Wir beeilen uns, außer Sichtweite der Sperre zu kommen, immer auf der Hut vor einem möglichen Grund dafür. Nun, wir finden keine! Ein toller Wanderpfad führt immer weiter abwärts zur Straße, an eine weitere Sperre. Die Erklärung dort können wir dann zwar auch nicht lesen, sehen dafür aber die vielen Fußspuren, die sie ebenfalls schon umgangen haben!

Nachdem wir dieses Stück hinter uns haben, denken wir auch nicht mehr länger darüber nach, sondern folgen unserem Rotstrich weiter bergab. In diesem Bereich ist der Vogesenkammweg wieder sehr angenehm zu gehen. Schattige Pfade führen – in leichtem Auf und Ab – nach Thannenkirch. Dass wir über dieses „leichte Auf und Ab“ ganze 200 Höhenmeter abbauen, bemerken wir kaum, weil wir völlig auf unseren heutigen Schlussspurt fixiert sind.

Dafür überrascht uns dann aber das kleine Städtchen Thannenkirch. Gleich am Ortseingang, neben einer beeindruckenden Bildeiche, befindet sich ein ausgewiesener Trinkwasserbrunnen! (Es folgen dann sogar noch drei weitere, durch den ganzen Ferienort hindurch!) Auch das Städtchen selbst wirkt sehr gepflegt und selbst jetzt, in der Nachsaison, längst nicht so „verschlafen“, wie die meisten anderen Vogesen-Siedlungen.

Dann kommt der zweite Anstieg an diesem Tag, der Taennchel, dem wir auch jetzt noch keine rechte Beachtung schenken: Gerade mal schlappe 150 Höhenmeter hat er noch vorzuweisen und Claudia schmunzelt nur. „Zauberberg..!„(So wird er beiläufig genannt.)

Was dann aber dahinter kommt, ist unserer vollen Beachtung durchaus wieder wert: 350 Höhenmeter sind auf nur 2,3 Kilometer Strecke zu „vernichten“! Das sind durchschnittlich 15,4% Gefälle rechne ich nach! Auf 100 Meter Strecke geht es hier nun stattliche 15,4 Meter bergab!

Das Gepäck schiebt bald wieder mächtig und die brennenden Fußsohlen vermögen es dann irgendwann auch kaum mehr zu bremsen! Ich bin laut am Fluchen und Claudia ist so kaputt, dass sie mich noch nicht einmal dafür rügt! (Kommt selten vor!)

Der Abstieg erfolgt entlang der „Drey Burgen auf einem Berge“, aber das kann mich inzwischen auch nicht mehr aufheitern. Irgendwann stolpern wir mitten durch eines, dieser Gemäuer hindurch, aber mir drückt inzwischen ein Zehnagel so schmerzhaft ins Fleisch, dass ich mittendrin anhalte, um zu „operieren“! Danach geht es deutlich besser und ich mache noch einige Fotos.

Irgendwann teilt sich der Weg dann, ist jedoch in beide Richtungen als „Rotstrich“ ausgewiesen. Wir halten uns einfach links, in Richtung nächster Ruine und stellen so fest, dass beide Wege dann weiter unten wieder zusammen führen.

Inzwischen sind wir aber schon wieder so tief abgestiegen, dass wir in dichterem Nebel angekommen sind. Die Sonne ist längst verschwunden und es wird auch merklich kühler.

In Ribeauville angekommen, müssen wir dann auch über einen Wegweiser lachen, den wir in Thannenkirchen gesehen haben: „Nach Ribeauville 1h 15min“.

Unser Lachen ist reiner Sarkasmus! Denn obwohl wir richtig zügig unterwegs waren, haben wir 2h 45min benötigt, also mehr als das Doppelte! Das zeigt einmal mehr, wie die ausgeschilderten Gehzeiten zu bewerten sind!

In Ribeauville versorgen wir uns nur kurz mit Wasser, dann ziehen wir weiter. Nun kommt nämlich der Aufstieg, vor dem wir so gewaltigen Respekt hatten. Und damit nicht genug, inzwischen hat sich der Nebel immens verdichtet! Wir müssen höllisch aufpassen, nun ja kein Wegzeichen zu übersehen, da wir überhaupt keine Übersicht mehr über das Gelände haben. Nur unser breiter Forstweg führt – ständig bergauf – in den Nebel hinein.

Nach einer Weile werde ich dann aber doch unsicher: Es kommen nämlich keine Wegzeichen mehr und bald haben wir dann auch die Gewissheit, dass wir uns im Nebel verlaufen haben! Irgendwo muss links ein Trampelpfad vom breiten Forstweg abgegangen sein, den wir übersehen haben. Was nun?

Da ich im Garmin leider keine Karte hinterlegt habe, mit deren Hilfe ich nun hätte orientieren können, nutze ich ihn als Kompass, um die Karte einzunorden. Das zeigt mir, dass auch unser Weg in die richtige Richtung führt und dann später – in einer weiten Linkskurve – wieder auf den Rotstrich stößt. (Immer vorausgesetzt, wir sind auf dem Weg, auf dem ich uns vermute!)

Nach einer guten Stunde Ungewissheit im Nebel, taucht dann endlich die Wege-Kreuzung auf, die ich mir so sehr herbei gewünscht habe: Wir sind also richtig und ab sofort auch wieder auf dem Rotstrich!

Das Erfolgserlebnis setzt natürlich sofort wieder neue Kräfte frei und auch die Motivation ist sofort wieder da. Hinzu kommt noch, dass wir – aufgrund des immensen Anstieges – irgendwann auch wieder dem Nebel entsteigen und so den blauen (Abend-)Himmel über uns sehen können.

Allerdings wird nun auch das Tageslicht langsam knapp und wir sollten uns dringend nach einem geeigneten Zeltplatz umsehen. Der kommt aber leider nicht, da wir ständig durch eine recht steile Halde, aufwärts queren: Links geht es ordentlich hinunter, und rechts genauso steil hinauf – hier können wir nirgends ein Zelt aufbauen!

Irgendwann holen wir dann halt die Stirnlampen heraus und gehen in ihrem Lichtschein weiter.

Erst ganz oben, auf dem Koenigsstuhl (930m), finden wir dann eine halbwegs ebene Fläche, auf der unser kleines Zelt Platz hat – mitten auf dem Wanderweg!

Der ist hier, von einer dicken Schicht Tannennadeln bedeckt und daher ganz weich gepolstert. Und benutzen wird ihn wohl heute Nacht ohnehin niemand mehr, wir sind wir hier oben inzwischen nämlich so weit abseits jeder Ortschaft, dass ich noch nicht einmal mit einem Jäger rechne.

Dann kommt nur noch das Übliche: Waschen, umziehen, essen und (endlich) schlafen..! (Erst zu Hause werte ich die Daten des Garmin aus: Es waren 28,2 km mit 1.543 Höhenmetern – Wahnsinn!)

Dann möchte etwas später aber doch noch jemand hier durch: Irgendwann – mitten in der Nacht – steht nämlich plötzlich ein Wildschwein, unwillig grunzend – und wohl vor Unmut über den verlegten Weg schnaubend – direkt vor unserem Zelt!

Mach‘ was..!„, sagt Claudia ängstlich und greift nach meinem Arm.
Ich mache also Licht und rufe laut: „Hau ab, hier sind schon zwei Wildschweine..!

Darauf hin kann ich hören, wie sich unser Besucher langsam „trollt“. Und auch Claudias beidhändiger Klammergriff, an meinem rechten Oberarm, löst sich nun langsam wieder..!

Unser Fazit aus dem zwölften Tag: Châtenois – Haut Kœnigsbourg – Ribeauvillé Koenigsstuhl, 28,2 km / 1.543 Höhenmeter.

Akute „Wehwehchen“ nicht auf die lange Bank schieben! Eingewachsene Zehnägel tun uns nicht umsonst weh und werden auch nicht mehr „von alleine“ besser! Sie daher auch immer gleich nach dem Wahrnehmen behandeln, bevor sich eine richtige Entzündung bildet! (An Desinfektion denken!)

Und auch noch ein kleiner Tipp von einem Jäger, für den Fall nächtlicher Besuche von Wildschweinen: Immer sofort Licht machen und dann metallische(!) Geräusche erzeugen. Diese werden von den Tieren stets mit dem Menschen (ihrem größten Feind) in Verbindung gebracht, da sie auf natürliche Weise nicht entstehen können!

Empfohlener Wanderführer: Rother, Vogesen. ISBN 978-3-7633-4018-7 (Achtung! Die im Führer und auf Schildern an der Strecke angegebenen Wanderzeiten sind mit „Vorsicht“ zu genießen! Wir dachten manchmal, dass diese Zeiten wohl beim „Joggen“ ermittelt worden sind, denn mit großem Gepäck sind sie nicht einmal annähernd zu erreichen!

Empfohlene Karten: Club Vosgien Carte N 4/8, 1:50.000


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