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Auf dem Kamm zwischen Adria und Thyrrenischem Meer

27 Oktober 2013 2 Kommentare

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Heute steht unsere erste „richtige“ Bergtour an. Dazu halten wir uns rechts der Pass-Straße aufwärts und werden am Passo Porcareccio (1.453m) den Kamm zwischen Adria und Thyrrenischem Meer erreichen. Diesem werden wir dann nach links folgen und über den Poggio Scalli (1.520m) zum Passo della Calla (1.295m) wandern. Von dort aus folgen wir anschließend wieder dem bereits bekannten Weg Nr. 80, zurück ins Tal.

IMG_0252Um 8.00 Uhr treffen wir Biggi beim Frühstück. Sie hat uns auch heute wieder einen Tisch gedeckt, der keine Wünsche offen lässt. Vor allem Käseliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten. Heute hat sie uns mal einen herrlichen Frischkäse serviert, den wir brüderlich teilen und zu ihrem köstlichen, selbstgebackenen Brot verputzen. Und auch für diesen Tag hat sie uns wieder ein großes Lunchpaket gerichtet und bereits schon zwei Liter von unserem Tee, für unterwegs gekocht.
Heute werden wir wohl auch zwei Liter davon brauchen, denn Scipio verspricht uns für diese Tour ca. 17,0 Kilometer mit 909 Höhenmeter. Und es wird wohl auch recht warm werden, meint er.

IMG_0254Da ich mit dem Frühstück wieder früher fertig bin, als Claudia, sehe ich mir den heutigen Aufstieg noch einmal in der Karte an. Der Weg sieht wirklich sehr vielversprechend aus und Scipio hat uns für heute zudem viele, uralte Bäume versprochen: Esskastanien, Buchen und Bergahorn! Und wir rechnen auch für heute wieder mit Hirsch-Begegnungen, denn wir hören sie bereits den ganzen Morgen (auch von jener Seite, über die wir aufsteigen werden!) laut röhren. Als Claudia ebenfalls mit dem Frühstück fertig ist, machen wir uns startklar und ziehen los.

Auch heute haben wir uns dafür entschieden, die Gamaschen gleich von Beginn an zu tragen, da das Gras nass ist. Es hat nämlich auch in dieser Nacht immer wieder mal kurz geregnet.

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Vorbei an einem kleinen Gehöft, geht es nun zuerst mal über breitere Wirtschaftswege aufwärts. Diese sind gut markiert und erlauben (in Verbindung mit der Karte) eigentlich kein Verlaufen. Auf einer kleinen Lichtung kommt es dann bereits zu einer ersten Begegnung mit Hirschen: Ein großes Rudel Damwild sucht das Weite.
Da die Damhirsche in der Brunft nicht „röhren“, haben wir sie hier überhaupt nicht erwartet und sind daher genauso überrascht, wie sie. Der von uns erwartete Rothirsch röhrt nämlich immer noch ununterbrochen. Er steht wohl etwas weiter oben.

IMG_5593Hier wurden Holz gemacht und viele Bäume umgesägt. Uralte Kastanien-Stämme liegen links und rechts am Wegrand und Claudia bietet auf dem Foto oben einen wichtigen Größenvergleich, zu dem hohlen Stamm.
IMG_5600Dann sehe ich eine weitere Bewegung hinter den Bäumen: Zwei Pilzsammler kommen mit ihren Körben den Weg herunter und Claudia kann es sich nicht verkneifen, nach ihrer „Beute“ zu sehen. Schöne Steinpilze und große Parasol haben sie gefunden.
Mit Händen und Füßen versuche ich ihnen zu erklären, dass wir in Deutschland große Parasol-Schirme gerne panieren und in der Pfanne braten.
Aaah.., Wiener Schnitzel..!“ lacht der Jüngere der Beiden da plötzlich, und erklärt es auch seinem 86jährigen Vater. Dann verabschieden sich die beiden wieder sehr herzlich und ziehen weiter.
Ob wir mit 86 wohl auch noch Pilze suchen können..?“ fragt Claudia irgendwann, und ziemlich nachdenklich geworden. Mir fällt aber keine Antwort ein.

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Nun wird der Weg immer mehr zum schmalen Pfad, der sich durch herrliche Kastanienwälder aufwärts schlängelt. Wir passieren ein altes Gemäuer und erhaschen von dort aus nochmal einen Blick zurück, ins Tal. Der (warme!) Nebel scheint inzwischen stetig weiter den Berg herauf zu ziehen und lässt uns bald das Gefühl empfinden, in einer Waschküche zu wandern. Es ist bereits unglaublich schwül, obwohl noch keine Sonne zu sehen ist. Das erinnert uns daran, dass wir südlich der Alpen – auf der Höhe von Florenz –  unterwegs sind.

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Der Rothirsch röhrt inzwischen weit hinter uns, wir müssen ihn also passiert haben, ohne ihm zu begegnen. Dafür hören wir nun ständig das recht zufrieden klingende Grunzen von Wildschweinen, ganz nahe um uns herum. Und das ist dann schon ein bißchen ein komisches Gefühl, da man vor ihnen halt unwillkürlich Respekt hat. Und als wir sie wieder einmal ganz besonders nahe hören, liegt etwa 10 Meter rechts von uns eine kleine Senke, die wir vom Weg aus nicht einsehen können. Dort müssen sie also sein, denn sonst müssten wir sie sie sehen können.

IMG_5609 Claudia dreht sich etwas verkrampft um und schleicht plötzlich dem Weg entlang, indem sie die Füße übertrieben weit und leise anhebt.
Warum schleichst Du eigentlich so leise..?“ frage ich sie daher absichtlich so laut, dass es die Schweine ebenfalls hören können und Claudia erstarrt mitten im Schritt.
Brauchst doch keine Angst zu haben..!“ beruhige ich sie dann und fasse sie an der Hand. So ziehen wir weiter, während die Schweine – ohne jede Reaktion – in ihrem Wohnkessel immer noch zufrieden weiter vor sich hin grunzen.

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Auch Wildschweine sind im Rudel eigentlich äußerst friedliebende Gesellen, so lange die Bachen keine Frischlinge in Gefahr sehen. Und diese Gefahr besteht jetzt, im Herbst eigentlich nicht mehr. Weitaus kritischer wird es da schon, wenn man einen großen Keiler überrascht. Das sind nämlich überwiegend Einzelgänger und außerhalb der Brunft daher nur selten beim Rudel. Aber schon daran, dass man ihnen ebenfalls so gut wie nie begegnet sieht man, dass sie dem Menschen ebenfalls ausweichen.

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Erneut wechselt nun die Vegetation: Hinter dem Poggio La Mazza finden wir recht viel Wachholder, überwiegend sogar mit reifen Beeren. Dann erreichen wir einen breiten Wirtschaftsweg, dem wir nach rechts folgen. Die Wegzeichen mit der Nummer 78 sind hier oben absolut eindeutig und leiten uns auch noch durch zwei weitere Abzweigungen.

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Dann geht es aber plötzlich steil hinauf. Der Weg ist in diesem Bereich nun vom Laubfall der Buchen teilweise völlig bedeckt und verlangt daher etwas mehr Konzentration: Äste, Steine und Löcher im Grund sind unter dem dichten Laubteppich nämlich kaum mehr auszumachen. Zudem sind die steinigen Wege feucht und bieten uns im ganz steilen Bereich auch nur wenig Halt.

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Dafür entschädigt uns hier oben nun aber eine unglaubliche Farbenpracht, der bereits herbstlich gefärbten Buchenblätter. Welch ein Kontrast, zum Wald weiter unten! (Siehe vergleichende Fotos oben!)
IMG_5632Dann erreichen wir am Passo Porcareccio endlich den Kamm des Apennin, auf stolzen 1.453m. Während Claudia den Rucksack abnimmt und in eines von Biggis leckern Broten beißt, mache ich sie darauf aufmerksam, dass wir hier ja erst am Pass – aber trotzdem schon fast auf Feldberg-Höhe sind (1.493m).

Ab jetzt werden wir bis zum nächste Pass, dem Passo della Calla (1.295m) immer auf dem Kamm – zwischen Adria und Thyrrenischem Meer – wandeln. Laut Scipio soll man vom Scali aus an sehr klaren Tagen sogar beide Meere sehen können, aber dieses Glück haben wir heute leider nicht.
IMG_5638Trotzdem ist diese Tour ein echter Wander-Traum, für den man aber ruhig etwas Grundkondition mitbringen darf, denn unser Garmin zeigt uns im Anschluß 18,6 Kilometer mit stolzen 1.126 Höhenmetern an (bereits geglättete Werte!).

Während Claudia noch ißt, vertiefe ich mich dann wieder einmal in die Karte. Nun ist es nur noch einen knappen Kilometer bis zum Poggio Scali, dem mit 1.520 Metern höchsten Punkt unserer Tour, überschlage ich.
Ist das nicht herrlich..?„, höre ich da plötzlich von Claudia und sehe, wie sie das Gesicht mit geschlossennen Augen in die Sonne hält. Fast unbemerkt hat sich diese inzwischen gegen den Wolkenschleier über uns durchgesetzt und vereinzelt sehen wir sogar schon etwas blauen Himmel.
IMG_5639Doch, die Sonne tut uns jetzt richtig gut, denn inzwischen wurde der warme, vom Tal aufsteigende Nebel durch einen ziemlich kühlen Wind ersetzt. Man bemerkt die Höhe nun doch schon ziemlich deutlich und auch der Laubfall ist hier oben bereits wesentlich ausgeprägter, als noch während unseres Aufstieges. Manche Buchen haben hier oben schon fast gar keine Blätter mehr in ihren Kronen.

IMG_5640Nun führt uns ein breiter, fast ebener Weg über den Kamm, immer in Richtung Gipfel. Diesen erreichen wir dann nach kurzer Zeit und einem kurzen, steilen Stich. Oben treffen wir wieder mal ein paar italienische Wanderer, bei ihrer Rast. Und auch diesmal findet ganz spontan wieder eine herzliche Unterhaltung in Englisch statt.
Die Freundlichkeit der Italiener ist dabei fast unglaublich: Man muss nur eine kleine Bemerkung über die tolle Landschaft hier machen, und schon sind sie vor Freude darüber auch schon völlig aus dem Häuschen – Klasse!

Während Claudia am Horizont immer noch ganz verzweifelt auf der Suche nach einem kleinen, blauen Fleckchen Adria ist, packe ich die Kamera aus und schieße nebenher ein paar Gipfelfotos. Leider haben wir mit dem „Meerblick“ wirklich Pech, aber das macht nichts. Die herrliche Herbstlandschaft hier oben entschädigt uns nämlich für alles!

IMG_5642Dann steigen wir über einen kurzen, steilen Pfad zurück, auf den breiten Kammweg. Und was nun folgt, das kann man getrost als „Lustwandeln“ bezeichnet! In lebendigem Auf und führt uns der Weg nämlich immer entlang von herrlich steilen Waldhalden, links und rechts. Auf der rechten Seite warnen dabei Schilder sogar immer mal vor gefährlichen Steil-Abbrüchen. Hier sollte man also unbedingt auf dem Weg bleiben!

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Nach knappen zweieinhalb Stunden Kammwanderung erreichen wir dann den Passo della Scalla auf 1.295 Metern Meereshöhe. Und da heute Sonntag ist, veranstaltet der lokale Radsportverein wohl ein Radrennen, herauf zum Pass. Dabei wird jede einzelne Zielankunft eines Fahrers lautstark mit Beifall bedacht. Das ist zwar schön, für uns jedoch – die wir nun gerade zweieinhalb Stunden absolute Stille erlebt haben – fast schmerzhaft!
IMG_5662So überqueren wir die Pass-Straße rasch und ziehen uns drüben dann in den Baumschatten zurück. Hier hat es viele Tische und Bänke, an denen Wanderer geruhsam rasten können.

Noch einmal nehmen wir die Rucksäcke ab und gönnen uns eine kurze Rast mit einem von Biggis tollen Vesper-Broten. Dann brechen wir zum Endspurt auf, hinunter nach La Chiusa.
Nun ist es einmal mehr der Weg Nummer 80, dem wir vom Pass aus folgen. Breit und sehr angenehm zu gehen umgeht er die wilden Serpentinen der Pass-Straße. Nur ab und zu tangiert er sie, oder lässt sie uns auch einmal überqueren.
Innerhalb einer extra-großen Schleife ist ein wunderschöner Rastplatz mit Schutzhütte und Feuerstelle angelegt. Claudia riskiert nur einen kurzen Blick hinein und grinst dann breit. Grinsen heißt dabei: Hier drinn könnte man notfalls auch übernachten..!
IMG_5668Kurz darauf erreichen wir dann wieder den Weg, dem wir hier bereits gestern über den Bach gefolgt sind. Das Schild Attenzione – Tratto pericoloso markiert somit den Punkt, an dem wir nun also wieder bereits bekanntes Terrain betreten.

Scipio hatte uns diesbezüglich sogar angeboten, uns von La Chiusa aus mit dem Auto hier hoch zu fahren, zum Pass, damit wir diesen Weg nicht nocheinmal gehen müssen. Das war lieb gemeint (Danke Scipio!), aber dieser Weg ist so wunderschön, dass wir uns sogar richtig darauf gefreut haben, ihn heute noch einmal zu gehen! Und wir werden ihn ja sogar noch ein weiteres Mal begehen, wenn wir zum Monte Falterona aufsteigen! Dann erreichen wir wieder die unglaublich schöne Passage, mit den großen, saftigen Moospolstern auf den Steinen und schießen hier erneut unzählige Fotos. Diese wollen wir hier aber nicht mehr in den Bericht einfügen, statt dessen lieber ein Foto des wunderschönen Rastplatzes mit der tollen Schutzhütte, etwas weiter oben.

IMG_5671Etwas weiter unten haben wir dann aber auch heute noch einmal Glück: Eine Rothirsch-Kuh steht mit ihrem diesjährigen Kalb mitten auf dem Weg und wird von uns so beim Fressen überrascht. Sie flüchten beide behende den steilen Waldhang hinauf.
Unglaublich..!“ meint Claudia nur. „Wie leichtfüßig die da hinauf rennen..!“ Und nach einer kurzen Pause: „Entschuldigung.., wir wollten Euch doch nicht erschrecken..!

IMG_5681Eine gute halbe Stunde später laufen wir dann wieder in La Chiusa ein und gönnen uns erst mal eine Tasse Kaffe und ein Stück von Biggis tollem Kuchen (der „Weiche“), den sie uns bereits zum Frühstück hingestellt hatte. Dann gehen wir Duschen und ziehen uns um.

Beim Abenessen trumpft Scipio dann einmal mehr, so richtig auf und Biggi erklärt uns zu den Köstlichkeiten stets, was es ist und wie es zubereitet wird:

Vorspeise

Leckere selbstgemachte, in Öl eingelgte Bratwürste vom eigenen Schwein mit Oliven

1. Gang:

Gnocchis mit superleckerer Tomatensoße mit Karotten und Sellerie aus dem Garten (mit frischem Parmesan)

2. Gang:

Koteletts mit feinem Erbsengemüse und Zwiebeln mit Speck

Dessert

Vanille-, und Schoko-Eis

(Dazu gab es übrigens auch heute wieder ein Hirsch-Konzert vom Allerfeinsten!)

IMG_5684Anschließend sitzen wir dann wieder lange mit Biggi und Scipio zusammen und zeigen ihnen auch noch die Fotos vom Tag.
Biggi liebt das: „Ich fühle mich da immer so richtig von Euch mit hinausgenommen..!“ gesteht sie uns noch, als wir uns später ins Bett verabschieden..!

 

Download GPS-Track[urldisplaymode=nomap]

HD-La-Chiusa_Tour-3


Größere Kartenansicht 

2 Kommentare »

  • Guido sagt:

    Wieder klasse der Bericht; die Landschaft sieht so verwunschen aus und ganz ‚fremd‘, irgendwie total anders als die mir bekannten Landschaften; urig und wild, weitläufig und mit der Möglichkeit, sich schlimmstens zu verlaufen. Schön auch die Beschreibungen der Menüs 🙂

  • Rainer (author) sagt:

    Hallo Guido, genauso haben wir die Landschaft hier auch immer wieder empfunden: Verwunschen und fremd! Ein unglaubliches Erlebnis und (noch) ein echter Geheimtipp für alle Ruhe-Suchende Naturliebhaber. Mit etwas Glück kann man unterwegs sogar Stachelschweine(!) sehen..!

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