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Kungsleden, 2. Etappe: Abiskojaure – See Alisjärvi

19 Juli 2013 4 Kommentare

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Irgendwann muss ich dann wohl doch eingeschlafen sein, denn ich werde durch Schritte vor dem Zelt geweckt. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es bereits halb Neun ist. Ich wecke Claudia und husche hinaus, um zu sehen, was los ist. Dann melde ich mich beim Stugwart und erzähle ihm, dass wir erst gegen zwei Uhr in der Nacht angekommen sind. Curt, so ist sein Name, schmunzelt aber nur und deutet mit dem Kinn auf seinen Rottweiler:
He told me, when you arrived..!“ 

IMG_3036Wir frühstücken kurz und bauen das Zelt ab. Dann gehe ich noch zu Curt, um das Fee (Gebühr) für unser Zelt zu entrichten: Stolze 240 SK/für zwei Personen (27,86 Euro). Und dafür darf man nur zelten, Wasser und Toilette benutzen und den Abfall entsorgen, sonst nichts!
Für alle, die abends etwas früher ankommen, wäre für das Doppelte Fee in der gepflegten Anlage dann auch noch die Küchenbenutzung (Gas) und sogar die Sauna incklusive. (Man kann von der Sauna aus übrigens direkt in den klaren See springen!)

IMG_3034Die Küchenbenutzung schenken wir uns zu diesem stolzen Aufpreis, da wir ohnehin völlig autark sind: Der Gaskocher mit insgesamt drei Ersatzpatronen und mein Edelried-Kochtopf sind schließlich im Rucksack.
In diesen Kochtopf (Im Bild oben, links vor dem Gaskocher) habe ich mich übrigens sofort verliebt: Mit einer Größe von nur 1,0 Liter, ist er für uns beide auch für kleine Malzeiten, wie z. B. Suppen und Eintöpfe völlig ausreichend. Dazu ist er superleicht und hat einen Deckel, was die Kochzeit von Wasser natürlich deutlich verkürzt!

Dann bauen wir das Zelt ab und packen zusammen.
Während der ersten Wander-Tage dauert es erfahrungsgemäß immer noch etwas länger, bis wieder alle Utensilien in den Rucksäcken verstaut sind. Aber schon in wenigen Tagen wird sich das wieder eingespielt haben und dann weiß jeder immer sofort, was „ihm gehört“!

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Das hat den Großen Vorteil, dass man unterwegs nach wichtigen Dingen nicht mehr lange suchen muss. Jeder weiß dann genau, wo Pflaster, Nagelknipser oder Kopfschmerztabletten verpackt sind! Und wer beim „Nagelknipser“ vielleicht gerade etwas geschmunzelt hat: Den vermisst man unterwegs immer erst dann, wenn man sich einen Nagel eingerissenen hat..!

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Kurz darauf stehen wir dann mit geschulterten Rucksäcken vor unserem Zeltplatz. Noch mal eine letzte Kontrolle, ob vielleicht irgend etwas vergessen wurde, dann drehen wir uns um und marschieren los. Und natürlich auch noch ein kurzes Winken als Gruß, für Curt.
IMG_3043Lasst Euch doch an dieser Stelle aber bitte auch einmal auf die unterschiedliche Vegetation auf den Fotos aufmerksam machen: Wir haben zwar noch Frühsommer, doch während die Birken am See bereits Blätter tragen und wunderschön grün sind, könnt Ihr im Bild oben, hinter der Hängebrücke deutlich erkennen, dass die Birken dort überwiegend kahl sind! Das hängt mit der kleinen, grünen Raupe einer Motte zusammen, die in diesem Jahr wieder einmal in solchen Massen auftritt, dass von ihr ganze Wälder kahlgefressen werden! Zu diesem Phänomen kommt es nur etwa alle 10 Jahre. (Herzlichen Dank, für diese Info per Mail, Nils!)
Als wir die dann auch diese Hängebrücke überquert haben, sehen wir bereits den typisch runden Gipfel des Garddenvarri unmittelbar vor uns liegen. Ihn gilt es nun, auf etwa halber Höhe links zu umrunden, um den Alisjärvi zu erreichen. Das ist ein ziemlich großer See, an dessen Ufer wir heute gerne zelten möchten.

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Dazu müssen wir nun aber erst einmal kräftig steigen! Direkt am Schild, das uns anzeigt, dass wir hier den Abisko-Nationalpark verlassen, kommt uns dann plötzlich wieder Curt mit seinem Rottweiler entgegen. Ganz ohne Gepäck hat er uns natürlich locker links überholt und grinst uns nun fröhlich an. Und er gibt uns auch noch ein paar Tipps, bevor er sich wieder auf den Rückweg nach Abiskojaure macht.

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Wir steigen weiter und hören schon von weitem den Siellajohka rauschen, ein wilder Gebirgsfluss. In diesem Bereich wollten wir gestern eigentlich ursprünglich zelten. Und der Ort wäre auch gut gewählt gewesen, denn es gibt ein paar hübsche, ebene Plätzchen und keine(!) Moskitos. Die halten sich so weit oben nicht mehr auf, denn wir sind bereits im Begriff, die Baumgrenze zu passieren. Die liegt hier in Lappland auf etwa 700m.

IMG_3056Nachdem wir auch die zweite Hängebrücke passiert haben, geht es dann richtig steil hinauf. Ich erwische mich dabei, wie ich mir beim Gehen Zwischenziele setze, bis zu denen ich jeweils laufen möchte. Das mache ich eigentlich immer nur dann, wenn es besonders anstrengend ist. Und während ich auf Claudia warte, sehe ich dann einen anderen Wanderer, der uns von oben entgegen kommt.

Menschen..!„, sage ich zu Claudia, als sie mich erreicht. Sie nickt aber nur, da sie ihn ebenfalls schon ausgemacht hat.
Hej-hej..!„, lautet die hier in Schweden übliche Begrüßung. Dann geht es gleich in Englisch weiter, bis Claudia plötzlich belustigt meint:
Ich glaube, wir können uns auch in deutsch unterhalten..?“ Unser gegenüber heißt nämlich Nils und ist ebenfalls Deutscher. Er kommt gerade aus Nikkaluokta, aber über das weniger bewanderte Vistasvaggi, erfahren wir. Und natürlich lachen nun erst mal alle herzhaft darüber, dass wir uns zuerst in Englisch unterhalten haben.
Nils möchte heute noch bis nach Abisko.
Nur zu..!„, schmunzelt Claudia fröhlich. „Es wird ja nicht dunkel..!
Ich schmunzle über den Seitenhieb, dann sind wir auch schon wieder alleine.

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Während wir nun stetig weiter bergan steigen, verändert sich die Landschaft um uns herum völlig. Die Bäume werden zuerst niederer, und weichen dann Büschen. Und kurz darauf ist dann nur noch eine völlig baum-, und strauchlose Tundra um uns herum. Der Boden wird jetzt überall dick von Moosen und Flechten bedeckt. Wir haben die Baumgrenze also bereits hinter uns gelassen! (Siehe auch Titelbild, ganz oben!)

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Irgendwann fängt dann plötzlich dieser „Parfüm-Zerstäuber“ wieder an zu sprühen. Aber inzwischen sind wir ja bereits vorgewarnt und reagieren schneller. Schon im Ansatz legen wir die Regenhosen an, lassen die langen Beinreißverschlüsse aber noch ganz offen, zur besseren Belüftung. Und wir werfen auch gleich die Ponchos über die Rucksäcke, lassen aber die Vorderseiten ebenfalls noch eingerollt hinter dem Nacken liegen. So müssen wir sie bei Bedarf nur noch nach vorne herunterziehen.
Dieses System hat sich übrigens bestens bewährt, vor allem deshalb, weil gleichzeitig auch meine Fototasche unter dem Poncho immer geschützt war! (Alternativ hätten wir aber auch nur die Raincover der Rucksäcke zu den Regenhosen benutzen können!)

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Der lange Anstieg geht uns inzwischen ordentlich in die Beine und so machen wir an einer windgeschützten Stelle eine kurze Rast. Derzeit haben wir wohl knapp die Hälfte unseres selbst gesteckten Tages-Pensums geschafft.
P1070355Und jetzt bewährt es sich auch, dass ich den Gaskocher mit dem kleinen Kochtopf griffbereit in den Außentaschen des Rucksacks verstaut habe. Gleich neben der Fleischbrühe und den Suppennudeln. So mache ich uns in nur wenigen Minuten – ohne groß etwas aus dem Rucksack auszupacken – eine herzhafte, heiße Malzeit und Claudia ist begeistert!
Das ist jetzt genau das, was mir gefehlt hat..!„, lobt sie mich.
Während wir essen, schaue ich mir den Garmin und die Umgebung etwas genauer an. Inzwischen können wir den Radujärvi, den See an dem unser Ziel liegt, bereits in der Ferne ausmachen. Aber es ist doch noch ein ordentliches Stück Weg, bis dorthin. Und es bewahrheitet sich auch auf dieser Tour wieder, dass der zweite Tag bei Mehrtagestouren immer der „Schlimmste“ ist!
Mir tun jedenfalls alle Muskeln weh und die Fußsohlen fühlen sich inzwischen wohl so ähnlich an, wie geklopfte Schnitzel! Aber ab morgen wird das wieder besser werden, wissen wir! Dann stellt sich der Körper mit jedem weiteren Tag immer mehr auf diese neuen Strapatzen ein.

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Nach kurzer Rast ziehen wir wieder weiter und stellen dann beide fest, dass diese unglaubliche Weite, die wir hier erleben, wohl auch ihre Nachteile hat: Das bereits in der Ferne ausgemachte Ziel kommt beim Gehen optisch nämlich kaum näher! Ich sehe dann irgendwann überhaupt nicht mehr hin und dieser kleine Selbstbetrug hilft mir auch ein wenig.
IMG_3069Überhaupt hat man auf dem Kungsleden ohnehin kaum Gelegenheit, beim Gehen gleichzeitig die Landschaft zu bewundern. Dazu ist der Pfad viel zu anspruchsvoll und wir lernen schnell, unsere Augen beim Laufen besser immer am Boden zu haben. Zumal mit den schweren Rucksäcken, denn die verzeihen einem Gleichgewichts-Fehler nicht so leicht..!
Aber das hat durchaus auch seine Vorteile, denn so sehen wir doch manches, was uns mit erhobenem Kopf sicher entgangen wäre. Zum Beispiel die vielen, wunderschönen Blüten der Moose und Flechten.
Leider ist der Himmel heute aber nur noch ein triestes Grau. Und wenn es auch nicht mehr regnet, ein wenig Sonnenschein hätte schon alleine unserer Seele gut getan. Und es hätte mir natürlich auch beim Fotografieren geholfen. Aber diesbezüglich sollte ich noch lernen, deutlich bescheidener zu werden!

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Schon seit geraumer Zeit folgen wir nun dem Ufer der zusammenhängenden Seenplatte von Radujärvi und Alisjärvi. Noch ein kurzes Stück, dann werden wir die Bootsanlegestelle erreicht haben, von der aus man sich die letzten 7 Kilometer bis zu den Alesjaure-Hütten bringen lassen kann. Dafür ist es jetzt aber noch etwas zu früh im Jahr. Der Bootsverkehr wird nämlich erst am 1. Juli aufgenommen, wie uns einige Schilder verraten. Trotzdem freuen wir uns darauf, denn diese Bootsanlegestelle markiert unser heutiges Tagesziel.

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Schnell ist ein schönes Plätzchen am Ufer gefunden, dann schlagen wir unser Zelt auf. Wichtig ist dafür natürlich immer, dass ausreichend Trinkwasser vorhanden ist. Davon haben wir hier am im See jedoch genügend und während Claudia die „Betten“ macht, fülle ich gleich mal unsere vier Liter-Flaschen, damit wir nachher nicht mehr raus müssen.

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Inzwischen ist es bereits auch schon 20.40 Uhr und pünktlich zum „Sonnenuntergang“ taucht auch heute wieder dieser eiskalte Wind auf. Nur sind wir heute schon fast auf 800m Höhe n.N., und da scheint er dann auch noch deutlich kälter zu sein, wie gestern.
Wir waschen uns daher innerhalb des Zeltes das Salz von der Haut, dann ziehen wir uns für die Nacht um. Eine heiße Suppe noch, und auch ein paar heiße Tassen Tee, während wir den Tag zum Ausklang noch einmal revue-passieren lassen. Dann kriechen wir in die Schlafsäcke und machen die Augen zu. Und dass es draußen nicht dunkel wird, ist uns ind diesem Augenblick völlig egal..!

Zusammenfassung 2. Etappe: 15,2 Kilometer, 992 Höhenmeter im Anstieg, 696 Höhenmeter im Abstieg – Dauer: 9,5 Std.

Wer gerne noch mehr über den Kungsleden erfahren will, oder ihn gar wandern möchte, dem empfehlen wir den umfangreichen Führer Schweden: Kungsleden von Michael Hennemann. Er war unterwegs stets unsere „Bibel“!

Schweden: Kungsleden*

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Kungsleden, 1. Etappe: Abisko (Tourist-Station) – AbiskojaureMitternachtssonne über dem KungsledenKungsleden, 3. Etappe: Alisjärvi – Tjäktjastuga

4 Kommentare »

  • manu sagt:

    Konnte natürlich nicht bis Morgen warten!

    Liebe grüße

  • Jörg Rapp sagt:

    Ist natürlich alles viel moderner geworden, die Brücken vor allem,
    in den 70ern noch mit quergelegten Holzbohlen, heute Leichtmeall- platten mit Rutschfestprofil. Die Schreibweise der heutigen Ausdrücke mehr samiskt oder einfach mehr regionalsprachlich. Früher -jaure / heute -järvi. – Schön, dass ihr mich mitgehen lasst.

  • Rainer (author) sagt:

    You are wellcome, Jörg..! 🙂

  • Jörg Rapp sagt:

    Hier stimmt das gemessene Höhenprofil einigermaßen. In meiner Karte von 1966 (1968 war meine 1. Tour) liegt der Torneträsk (Abisko) bei ca. 342 Meter. Von den Abiskoparkhütten gibt es keinen Eintrag, euer Eintrag von 500 m könnte ok sein. Für euern Übernachtungsplatz am Alesjaure zwischen Vuolle und Paijeb sind 774 Meter eingetragen. Meine damalige Karte war im Maßstab 1:200.000, genauere gab es nicht. Die erste Aufnahme war aus den 1880er Jahren, wie bei unseren Messtischblättern
    1:25.000. Die späteren Höhenmessungen meist durch barometrische Angaben ergänzt.

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